Digitized Text of the First and Second Stalecker Reports




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by Rafael Katz

The following, for the use of historians and researchers, are the digitized texts of both the First Stalecker Report and the Second Stalecker Report. For background see the compiler’s 2015 article on the subject in Defending History.

40 Ausfertigungen

[?] Ausfertigung

 

Einsatzgruppe A

Gesamtbericht bis zum 15. Oktober 1941

 

Übersicht S. 1
Polizeiliche Arbeit
  1. Organisatorische Massnahmen
  2. Säuberung und Sicherung des Ein-satzraumes
  3. Spionageabwehr
  4. Personenüberprüfung und Kartei-wesen
  5. Kriminalpolizeiliche Arbeit
13
2139
4041
Lagebericht
  1. Lage vor dem Einmarsch der deut-schen Truppen.
  2. Lage auf den Lebensgebieten bis 15.10.1941.
  3. Jüdischer Einfluss auf die Lebens-gebiete im Ostland
47
61
107
Übelstände und Vorschläge zu ihrer Beseitigung 134

Die Einsatzgruppe A marschierte befehlsgemäss am 23.6.1941, dem zweiten Tage des Ostfeldzuges, nachdem die Fahrzeuge in einsatzfähigen Zustand versetzt worden waren, in den Bereitstellungsraum  ab. Die Heeresgruppe Nord mit der 16. und 18. Armee und der Panzergruppe 4 hatte tags zuvor den Vormarsch angetreten. Es handelte sich nun darum, in aller Eile persönlich mit den Armeeführern wie  auch mit dem Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes Fühlung aufzunehmen. Von vornherein kann betont werden, dass die Zusammenarbeit mit der Wehrmacht im allgemeinen gut, in Einzelfällen, wie z.B. mit der Panzergruppe 4 unter Generaloberst Höppn[e]r, sehr eng, ja fast herzlich war. Missverständnisse, die in den ersten Tagen mit einzelnen Stellen entstanden waren, wurden durch persönliche Aussprachen im wesentlichen erledigt.

Die Heeresgruppe Nord stiess schnell bis zur Memel vor, erreichte nach kurzen, aber vielfach heftigen Kämpfen die D[ü]na. Von hier aus eroberte die Panzergruppe 4, rechts und links rückwärts von ihr die 16.und 18.Armee, in zügigem Vormarsch ganz Lettland, erreichte bei Ostrow und P[s]kow altrussisches Gebiet und drang von hier aus weiter in Richtung auf Luga vor, während der linke Flügel

der Heeresgruppe die estnische Grenze überschritt und Pernau und Dorpat erreichte. Nachdem bereits vorher auf dem rechten Flügel der Armee schwere Kämpfe stattgefunden hatten, stellte sich nunmehr der Russe mit starken Kräften und verhinderte den von Führung und Truppe erwarteten und sehnlich erwünschten raschen weiteren Vorstoss auf Petersburg, dessen Einnahme mit dem Wegfallen der wichtigsten Basis einen gewissen Abschluss des Vorstosses der Heeresgruppe nach Norden bedeutet hätte.

Unter langen und verlustreichen Kämpfen wurde der [Luga]-Abschnitt nunmehr bezwungen, der, wie sich ein Offizier einer Führungsstaffel ausdrückte, zu „einer heiligen Strasse des Todes“ geworden sei. Auch die weitere Säuberung des altrussischen Gebietes brachte langwierige Kämpfe. Während der Russe von Osten nach wie vor stark auf die Flanke der Heeresgruppe drückte, gelang es dieser, nunmehr Petersburg zu zornieren und damit ihre grossen Operationen vorläufig zu beenden.

 

Für die Sicherheitspolizei zeigte sich bei diesem militärischen Vorgehen in den ersten Tagen des Ostfeldzuges, dass die spezifisch sicherheitspolizeiliche Arbeit nicht nur, wie in den ursprünglichen Abmachungen

mit dem OKH vorgesehen, im rückwärtigen Heeres- und Armeegebiet, sondern auch im Gefechtsgebiet geleistet werden musste, und zwar einerseits, weil im zügigen raschen Vorgehen die Einrichtung des rückwärtigen Armeegebietes nachhinkte, und andererseits die zersetzende kommunistische Tätigkeit und der Partisanenkampf – besonders bei Erreichen des Luga-Abschnitts – im Gefechtsgebiet selbst am stärksten sich auswirkte.

Zur Durchführung der sicherheitspolizeilichen Aufgaben musste auch erstrebt werden, in grösseren Städten zusammen mit der Truppe einzuziehen. Die ersten Erfahrungen in dieser Richtung wurden gesammelt, als ein kleines Vorauskommando unter meiner Führung mit den Spitzenverbänden der Wehrmacht am 25.6.1941 in Kowno eintraf. Auch bei der Einnahme der weiteren grösseren Städte, insbesondere Libau, Mit[a]u, Riga, Dorpat, Reval und den grösseren Vorstädten von Petersburg war jeweils ein Kommando der Sicherheitspolizei bei den ersten Truppenteilen. Vor allem mussten hierbei kommunistische Funktionäre und kommunistisches Material erfasst, daneben aber die Truppe vor irgend welchen Ueberraschungen in den Städten selbst gesichert werden, nachdem die Truppe selbst dazu meist zahlenmässig gar nicht in der Lage war. Zu diesem Zweck wurden in den drei baltischen

Provinzen von der Sicherheitspolizei jeweils schon in den ersten Stunden des Einmarsches Freiwilligenformationen aus zuverlässigen Landeseinwohnern aufgestellt, die unter unserer Führung diese Aufgabe mit Erfolg durch geführt hat. Als Beispiel sei nur erwähnt, dass die Truppe durch Heckenschützen in Riga links der Düna nicht unerhebliche Verluste erlitt, während nach Organisierung dieser Freiwilligenformation in Riga rechts der Düna kein einziger Soldat zu Schaden kam, wohl aber diese lettischen Formationen im Kampf mit versprengten Russen Tote und Verwundeten hatten.

Ebenso wurden schon in den ersten Stunden nach dem Einmarsch, wenn auch unter erheblichen Schwierigkeiten, einheimische […?] Kräfte zu Progromen gegen die Juden veranlasst. Befehlsgemäss war die Sicherheitspolizei entschlossen, die Judenfrage mit allen Mitteln und aller Entschiedenheit zu lösen. Es war aber nicht unerwünscht, wenn sie zumindest nicht sofort bei den doch ungewöhnlich harten Massnahmen, die auch in deutschen Kreisen Aufsehen erregen mussten, in Erscheinung trat. Es musste nach aussen gezeigt werden, dass die einheimische Bevölkerung selbst als natürliche Reaktion gegen jahrzehntelange Unterdrückung durch die Juden und gegen den Terror durch

die Kommunisten in der vorangegangenen Zeit die ersten Massnahmen von sich aus getroffen hat.

Nachdem die Düna und damit Riga erreicht war, setzte sich die Einsatzgruppe von dem weiteren Vormarsch der Heeresgruppe Nord zunächst ab und konzentrierte ihre Kräfte auf die Befriedigung des litauischen und lettischen und später des bei Opotschka erreichten altrussischen Raumes. Die Arbeit hierbei war sehr vielgestaltig.

Beim raschen Wechsel der deutschen Truppen und bei der Fluktuierung der deutschen Dienststellen durch den Uebergang vom rückwärtigen Armeegebiet zum rückwärtigen Heeresgebiet und später zur Zivilverwaltung bzw. zum Wehrmachtsbefehlshaber änderten sich Personen und damit Ansichten bei den deutschen Dienststellen nur allzu oft und allzu rasch. Dies musste bei der Sicherheitspolizei möglichst verhindert werden, und deshalb die gleichen Führer möglichst in den gleichen Orten verbleiben. Dadurch erhielt die Sicherheitspolizei durch ihre Sach- und Personenkenntnis vor allen anderen einen wesentlichen Vorsprung. Sie kann tatsächlich für sich in Anspruch nehmen, dass sie als einzige Dienststelle eine gewisse Stetigkeit auf der deutschen Seite erreicht hat. Die Litauer, Letten und Esten, die für derartige Dinge ein sehr feines Gefühl besitzen, haben dies auch bald erkannt und sich dementsprechend darauf eingestellt.

Die Sicherheitspolizei versuchte daher unter jeweils gleichen Gesichtspunkten die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Dinge zu steuern bzw. die weiteren hierfür zuständigen deutschen Dienststellen zu beraten. Gerade auf politischem Gebiet haben die verschiedenen zuständigen Behörden verschiedene Gesichtspunkte verfolgt. Bedauerlich war, dass das Ostministerium nicht von vorneherein klare Richtlinien gegeben hatte, sodass bis heute in den Ostseeprovinzen trotz aller Bemühungen unsererseits noch keine klaren Verhältnisse herrschen. Bezeichnend für die Fluktuierung mag das Beispiel von Estland sein. Im Einvernehmen mit dem Reichssicherheitshauptamt führte die Einsatzgruppe den Esten Dr. Mae als künftigen politischen Berater der Esten mit sich. Um nicht, wie in Litauen und Lettland ein unheilvolles Durcheinander erleben zu müssen, und um die Einsetzung des Dr. Mae zu erreichen bzw. dessen Absetzung zu verhindern, mussten nacheinander verhandelt werden mit der nach Reval einrückenden Division, mit dem für Reval zuständigen Korps, mit der Ortskommandantur Reval, mit der Feldkommandantur Reval, mit der 13. Armee, mit der Heeresgruppe Nord, mit dem Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes bei der Heeresgruppe Nord, mit dem Generalkommissar bzw. dessen Stellvertreter und mit dem Vertreter des Ostministeriums.

Nach der Eroberung von Litauen und von Lettland wurden die Einsatzkommandos 2 und 3 vom Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes im wesentlichen abgezogen und in Litauen bzw. Lettland belassen. Die Einsatzkommandoführer 2 und 3 befinden sich seit Anfang Juli dauernd in Kowno bzw. Riga.

Auch mit dem Reichskommissar wurde sofort bei seiner Einsetzung Verbindung aufgenommen, ebenso mit den Generalkommissaren, und zwar sowohl von der Einsatzgruppe wie von den Einsatzkommandos aus. Die Zusammenarbeit mit dem Reichskommissar war zunächst davon abhängig, dass a) die beim Reichssicherheits[…]amt gestellte Anfrage über die Art der Einschaltung beim Reichskommissar sich verzögerte, und b) der Höhere SS- und Polizeiführer von sich aus über Einschaltung der Polizei mit dem Reichskommissar verhandelte, sodass eine eigene Initiative vor Erledigung der Fragen zu a und b nicht möglich war. Es ist vorgesehen, zu gegebenem Zeitpunkt auch von hier aus mit dem Reichskommissar über die Frage unmittelbar Verbindung aufzunehmen. Anlässe im einzelnen sind genügend vorhanden.

Nachdem der Vormarsch der Heeresgruppe Nord in Estland und bei Luga aufgehalten und schwere Kämpfe und starke russische Angriffe in der Mitte bzw. am rechten Flügel stattfanden, schaltete sich die Einsatzgruppe wieder bei den Armeen bzw. bei der Panzergruppe 4 stark ein, da die Bekämpfung der nunmehr in grossem Umfang auftauchenden Partisanen eine spezifisch sicherheitspolizeiliche Arbeit war und ist. Das Gebiet nördlich von Pleskau und zwischen Peipus- und Ilmensee mit den weit ausgedehnten Wald- und Sumpfgebieten war für den Partisanenkrieg durch die Russen geradezu ideal. Dazu kam, dass durch die Unwegsamkeit des Geländes jeder Einsatz auch kleinerer Verbände stark erschwert war. Nachdem die rein militärische Bekämpfung durch Gestellung von Wachen oder durch Einsatz auch ganzer Divisionen zum Durchkämmen der neu besetzten Gebiete versagt hatte, musste auch die Wehrmacht sich nach neuen Methoden umsehen. Gerade die Suche nach Methoden machte sich aber die Einsatzgruppe zur wesentlichen Aufgabe. Die Wehrmacht hat sich daher auch bald die Erfahrungen der Sicherheitspolizei und ihre Methoden der Bekämpfung der Partisanen zu eigen gemacht. Im einzelnen verweise ich hierbei auf die zahlreichen Berichte über die Bekämpfung der Partisanen.

Der Einsatz der Sicherheitspolizei war im weiteren Verlauf der Partisanenbekämpfung dadurch erschwert, dass die Fahrzeuge entweder nicht einsatzfähig waren, oder aber für den immer noch erwarteten Vorstoss auf Petersburg geschont werden mussten.

Für die Führung der Einsatzgruppe ergaben sich in dieser Zeit besondere Schwierigkeiten. Während die grösseren in Litauen und Lettland eingesetzten Teil der Sicherheitspolizei 700 km zurücklagen, waren andere Teil hinter der fast 600 km langen Front zur Partisanenbekämpfung eingesetzt. Zur Nachrichtenübermittlung stand ausser dem in Riga stationierten Funkwagen nur ein mittlerer und ein leichter Funkwagen für dieses weite Gebiet zur Verfügung. Auch die Benutzung der Heeresfernsprecher auf mehr als 200 km Entfernung versagte. Die ganze Führung der Einsatzgruppe war daher nur durch persönliche Fühlungnahme möglich, obwohl sich die Wege und Strassen einschliesslich der Rollbahn in einem fast unbeschreiblichen Zustand befanden. Selbst auf der Rollbahn konnte oft nur ein Stundendurchschnitt von 10 km gefahren werden. Trotzdem mussten in dieser Zeit allein von meinem Kraftwagen 15.000 km bewältigt werden. Auch für die Führer der Einsatzkommandos ergaben sich bei den weiten Räumen ähnliche Schwierigkeiten, sodass sogar Kurierfahrten zu einem ernsthaften Problem wurden. Vorübergehend wurden diese Verhältnisse noch schwieriger, als der weitere Angriff auf Petersburg nicht mehr der grossen Strasse von Pleskau über Luga folgen konnte, sondern weit nach Westen ausholen musste, sodass sich der Höhepunkt der Partisanenbekämpfung auf das Wald- und Sumpfgebiet ostwärts des Peipussees und auf die Gebiete westlich des Ilmensees verlegte. Die Arbeit der Sicherheitspolizei wurde in dieser Zeit noch durch eine Ruhrepidemie erschwert, da z.B. mit Ausnahme von einem Führer der gesamte Stab der Einsatzgruppe erkrankt und 80 % im Lazarett lagen.

Seit der Zernierung von Petersburg ist insofern eine Erleichterung eingetreten, als die Querverbindungslinien teilweise verkürzt, jedenfalls nicht mehr vom Feinde besetzt sind.

Besonders dankbar wurde für die Führung der Einsatzgruppe anerkannt, dass sehr bald nach Einrichten von Dienststellen vom RSHA ein sehr gutes und brauchbares Funkt- und Fernschreibnetz eingerichtet wurde.

Bei der fortschreitenden Eroberung von Estland wurde das Einsatzkommando 1a bis auf den bei der 18. Armee eingesetzten Teil endgültig nach Estland verlegt, auf dessen Befriedigung im Hinblick auf die rassisch gute Zusammensetzung der Bevölkerung besonders grosser Wert gelegt werden musste.

Nachdem von der Einsatzgruppe B Teile von Weissruthenien an die Einsatzgruppe A abgegeben wurden, wurde für dieses Gebiet das Einsatzkommando 1 b mit Verstärkung von Teilen des Einsatzkommandos 2 und 3 für zuständig erklärt.

Bei der Zernierung von Petersburg ergab sich für die Sicherheitspolizei ausser der erneut sehr starken Partisanentätigkeit in den Vorstädten die Aufgabe, die Bevölkerung, die langsam aus den Wäldern zurückkehrte, besonders zu beobachten. Da sich um Petersburg ein ausgesprochener Stellungskrieg entwickelte, wurde den Armeen empfohlen, eine Zone um Petersburg restlos zu evakuieren, eine Massnahme, die schon vorher von der Sicherheitspolizei soweit als möglich mit den zugeteilten Kräften der Waffen-SS und Ordnungspolizei durchgeführt wurde.

In diesem Gebiet wird fernerhin ein möglichst lückenloses Nachrichtennetz aufgebaut. Von Anfang an hat die Sicherheitspolizei systematisch Nachrichten über Petersburg auf allen Gebieten gesammelt. Die 18. Armee hat zusätzlich gebeten, auch die militärische Ausspähung von Petersburg bzw. der im Raum um Oranienbaum eingeschlossenen russischen 8. Armee zu übernehmen. Ich verweise hierbei auf die bisher erstellten 9 Lageberichte über Petersburg. In den nächsten Tagen wird noch ein zusammengefasster Bericht hierüber vorgelegt werden.

Aus der geschilderten Gesamtsituation ergab und ergibt sich, dass die der Einsatzgruppe zugeteilten Angehörigen von Stapo, Kripo und SD in der Hauptsache in Litauen, Lettland, Estland und Weissruthenien, zu einem geringen Teil vor Petersburg, die Kräfte der Ordnungspolizei und Waffen-SS jedoch in der Hauptsache vor Petersburg zu Massnahmen gegen die zurückflutende Zivilbevölkerung eingesetzt sind, und zwar jeweils unter eigener Führung. Diese Massnahme ist deshalb umso leichter möglich, weil den Einsatzkommandos in Litauen, Lettland und Estland einheimische Polizeikräfte, über deren Zuteilung die Anlg. 1 Aufschluss gibt, zur Verfügung stehen und nach Weissruthenien bisher 150 lettische Hilfskräfte entsandt wurden.

Die Verteilung der Führer von Sicherheitspolizei und SD in den einzelnen Phasen ergibt sich aus der Anlage 2, der Vormarsch und der Einsatz der Einsatzgruppe und der Einsatzkommandos aus Anlage 3. Nicht unerwähnt möge bleiben, dass die zugeteilten Führer von Waffen-SS und Ordnungspolizei, soweit sie Reservisten sind, erklärt haben, auch später bei Sicherheitspolizei und SD bleiben zu wollen.

A Der baltische Raum.

  1. Organisatorische Massnahmen.
  1. Aufstellung der Hilfspolizei und der Schutzmannschaften.

Angesichts der Ausdehnung des Einsatzraumes und der Fülle der sicherheitspolizeilichen Aufgaben wurde von vorneherein angestrebt, dass die zuverlässige Bevölkerung selbst bei der Bekämpfung der Schädlinge in ihrem Lande – also insbesondere der Juden und Kommunisten – mitwirkt. Über die Steuerung der ersten spontanen Selbstreinigungsaktionen hinaus, auf die in anderem Zusammenhang noch näher eingegangen wird, musste Vorsorge getroffen werden, dass zuverlässige Kräfte in die Säuberungsarbeit eingespannt und zu ständigen Hilfsorganen der Sicherheitspolizei gemacht wurden. Hierbei musste den verschieden gelagerten Verhältnissen in den einzelnen Teilen des Einsatzraumes Rechnung getragen werden.

In Litauen haben sich bei Beginn des Ostfeldzuges aktivistische nationale Kräfte zu sogenannten Partisaneneinheiten zusammengefunden, um in den Kampf gegen den Bolschewismus aktiv einzugreifen. Nach ihrer eigenen Darstellung hatten sie dabei 4.000 Gefallene.

In Kauen hatten sich vier grössere Partisanengruppen gebildet, mit denen das Vorauskommando sofort Fühlung aufnahm. Eine einheitliche Führung dieser Gruppen war nicht vorhanden. Vielmehr versuchte jede, der anderen den Rang abzulaufen und mit der Wehrmacht in möglichst enge Verbindung zu kommen, um künftig zu einem militärischen Einsatz gegen die Sowjetarmee herangezogen zu werden und hieraus bei der späteren staatlichen Neugestaltung Litauens Kapital zu schlagen und eine neue lettische Armee aufstellen zu können. Während ein militärischer Einsatz der Partisanen aus politischen Gründen nicht in Betracht kam, wurde in kurzer Zeit aus den zuverlässigen Elementen der undisziplinierten Partisanengruppen ein einsatzfähiger Hilfstrupp in Stärke von zunächst 300 Mann gebildet, dessen Führung dem litauischen Journalisten Klimatis übertragen wurde. Diese Gruppe ist im weiteren Verlauf der Befreiungsarbeiten nicht nur in Kauen selbst, sondern in zahlreichen Orten Litauens eingesetzt worden und hat die ihr zugewiesenen Aufgaben, insbesondere Vorbereitung und Mitwirkung bei der Durchführung grösserer Liquidierungsaktionen unter ständiger Aufsicht des EK ohne wesentliche Anstände gelöst.

Die übertragenen Partisanengruppen wurden reibungslos entwaffnet.

Neben der Aufstellung des Partisaneneinsatztrupps wurde gleich in den ersten Tagen einen litauische Sicherheits- und Kriminalpolizei aufgestellt. Unter Führung eines höheren litauischen Polizeibeamten, Denauskas, wurden zunächst 40 frühere litauische Polizeibeamte, die zum grossen Teil aus den Gefängnissen befreit worden waren, eingesetzt. Ausserdem wurden nach sorgfältiger Überprüfung die weiter erforderlichen Hilfskräfte herangezogen. Die litauische Sicherheits- und Kriminalpolizei arbeitet nach den ihr vom EK 3 gegebenen Anweisungen und Richtlinien, wird in ihrer Tätigkeit laufen kontrolliert und, soweit irgend dass hier litauische Beamte nur unter deutschem Schutz Ermittlungen und Festnahmen durchführen können. Die polnische Hilfspolizei wird alsbald aufgelöst werden.

Bei der Personalergänzung innerhalb der litauischen Hilfspolizeien wird hauptsächlich auf die Partisanengruppen zurückgegriffen. Solange noch Exekutionen und Befriedigungsaktionen grösseren Umfanges durchgeführt werden müssen, bleibt neben der litauischen Sicherheits- und Kriminalpolizei der oben genannte Partisanentrupp bestehen und wird voraussichtlich später in einem anderen Teil des Einsatzraumes ausserhalb Litauens eingesetzt.

Stärke und Verteilung der litauischen Hilfspolizei ist aus der Aufstellung Anlage [?] ersichtlich.

In Lettland hatte sich nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ein Selbstschutz gebildet, der sich aus Angehörigen aller Bevölkerungskreise zusammensetzte und daher für polizeiliche Aufgaben zum Teil völlig ungeeignet war. Es galt, aus diesen bunt zusammengewürfelten und mannigfaltig bewaffneten Trupps eine brauchbare Truppe herauszukristallisieren und vor allem diejenigen Elemente auszuschalten, die durch den Beitritt zu den Selbstschutzformationen ihre bisherige kommunistische Einstellung oder sonst belastete Vergangenheit tarnen wollten.

In Riga wurde die erste Aufstellung von der Sicherheitspolizei selbst in Angriff genommen und ebenso wie [? ?] grösseren Städten Lettlands zunächst Sicherheit […] gebildet, die später in eine Hilfspolizei umgewandelt wurden, die jetzt durchweg aus ausgesuchten, zuverlässigen und fachlich geschulten Kräften besteht. An die Spitze der lettischen Hilfspolizei wurde in grösseren Städten ein Präfekt gestellt. Die Hilfspolizeiformationen gliedern sich in eine Sicherheits- und eine Ordnungspolizei. Die Sicherheitshilfspolizei, die unter ständiger Aufsicht des EK 2 arbeitet, von ihm die Arbeitsrichtlinien erhält und über ihre Tätigkeit laufend eingehend Bericht erstattet, ist in eine politische Abteilung und in eine Abteilung Kriminalpolizei aufgeteilt.

Die für ordnungspolizeiliche Zwecke aufgestellten Hilfspolizeiformationen wurden in Litauen, Lettland und Estland der deutschen Ordnungspolizei nach deren späterem Einrücken zur Betreuung und zur Aufstellung der Schutzmannschaften übergeben.

Die Besoldung der gesamten lettischen Hilfspolizei wird aus Mitteln des lettischen Polizeietats bestritten.

Nachdem als vordringlichste Aufgabe diese Organisierung der Hilfspolizei in den Städten, insbesondere in Riga, durchgeführt war, wurden in den einzelnen Kreisen Lettlands Kreispolizeichefs als verantwortliche Leiter der polizeilichen Arbeit auf dem flachen Lande und in den kleinen Städten eingesetzt. Mit diesem Posten wurden geschulte Fachkräfte, meist ehemalige lettische Polizeioffiziere betraut. Da sich die Kreispolizeichefs gegenüber den ihnen unterstellten Selbstschutzführern vielfach [nicht] durchsetzen konnten und diese sich immer wieder Eigenmächtigkeiten zuschulden kommen liessen, wurde der Selbstschutz – der übrigens vielfach völlig unter dem Einfluss der Ortskommandanturen stand – bald nach dem Inkrafttreten der Zivilverwaltung in Schutzmannschaften umgewandelt. Die Kreispolizeichefs, die von der Zivilverwaltung fast durchweg übernommen wurden, erstatten alle zehn Tage über die politische Lage und die polizeiliche Tätigkeit in ihrem Gebiet an den Führer des EK 2 und an den Kommandeur der Ordnungspolizei Bericht und erhalten ihre Weisungen. Am 12.9 wurde in Riga mit den Kreispolizeichefs eine erste Arbeitstagung durchgeführt. Es wurden insbesondere Fragen der Organisation behandelt und Richtlinien über die Behandlung der Juden und Kommunisten gegeben.

Da am Sitz eines jeden Gebietskommissariats eine Aussenstelle der Sicherheitspolizei und des SD besteht bezw. errichtet werden soll, die die zum Gebietskommissariat gehörenden Kreise zu bearbeiten hat, ist die Gewähr dafür gegeben, dass alle wichtigen, insbesondere die politisch-polizeilichen Vorgänge durch deutsche Polizeikräfte bearbeitet werden.

Die Schutzmannschaften werden aus Mitteln des Reiches besoldet.

Stärke und Verteilung der lettischen Hilfspolizei geht aus der als Anlage 4 beigefügten Übersicht hervor.

Die Selbstschutzformationen werden zur Durchführung von Exekutionen eingesetzt. Ihre weitere Aufgabe ist die Bekämpfung der in Estland immer noch auftauchenden versprengten Rotarmisten und Partisanengruppen. Ferner ist ihnen der Wachdienst in den heereswichtigen Betrieben, an Brücken, Lagerräumen und sonstigen sabotagegefährdeten Stellen übertreten worden. Für Gefangenentransporte stellt der Selbstschutz die Bewachungsmannschaften.

  1. Neuaufbau des Gefängniswesens

Die Gefängnisse in den baltischen Ländern wurden entweder völlig leer vorgefunden oder waren mit den von den Selbstschutzkräften ergriffenen Juden und Kommunisten belegt.

Die Bolschewisten haben bei ihrem Rückzug die Gefängnisinsassen entweder ermordet oder verschleppt. Das Gefängnispersonal war meist mit den Russen geflohen.

Da landeseigene Justizverwaltungen vorerst nicht existierten und die deutschen Gerichte erst nach Einführung der Zivilverwaltung eingesetzt werden, wurden zunächst alle Gefängnisse ohne Rücksicht auf ihre frühere Zweckbestimmung in polizeiliche Verwaltung genommen. Das Personal für den Gefängnisdienst stellen die Selbstschutzkräfte und Hilfspolizeien.

Soweit die Aufnahmefähigkeit der Hafträume nicht ausreichte, wurden provisorische Konzentrationslager errichtet. Die Vorarbeiten zur Errichtung von grösseren Konzentrationslagern laufen. Die als Anlage 5 beigefügte Tabellen zeigen die jetzige Belegung der [Gefängnisse].

  1. Säuberung und Sicherung des Einsatzraumes.
  1. Auflösung von Selbstreinigungsaktionen.

Auf Grund der Erwägung, dass die Bevölkerung der baltischen Länder während der Zeit ihrer Eingliederung in die UdSSR unter der Herrschaft des Bolschewismus und des Judentums aufs Schwerste gelitten hatte, war anzunehmen, dass sie nach der Befreiung von dieser Fremdherrschaft die nach dem Rückzug der Roten Armee im Lande verbliebenen Gegner in weitgehendem Masse selbst unschädlich machen würde. Aufgabe der Sicherheitspolizei musste es sein, die Selbstreinigungsbestrebungen in Gang zu setzen und in die richtigen Bahnen zu lenken, um das gesteckte Säuberungsziel so schnell wie möglich zu erreichen. Nicht minder wesentlich war es, für die spätere Zeit die feststehende und beweisbare Tatsache zu schaffen, dass die befreite Bevölkerung aus sich selbst heraus zu den härtesten Massnahmen gegen den bolschewistischen und jüdischen Gegner gegriffen hat, ohne dass Anweisung deutscher Stellen erkennbar ist.

In Litauen gelang dies zum ersten Mal in Kauen durch den Einsatz der Partisanen. Es war überraschenderweise zunächst nicht einfach, dort ein Judenprogrom grösseren Ausmasses in Gang zu setzen. Dem Führer der oben bereits erwähnten Partisanengruppe, Klimatis, der hierbei in erster Linie herangezogen wurde, gelang es, auf Grund der ihm von dem in Kauen eingesetzten kleinen Vorkommando gegebenen Hinweise ein Progrom einzuleiten, ohne dass nach aussen irgendein deutscher Auftrag oder eine deutsche Anregung erkennbar wurde. Im Verlaufe des ersten Progroms in der Nacht vom 25. zum 26.6. wurden über 1.500 Juden von den litauischen Partisanen beseitigt, mehrere Synagogen angezündet oder anderweitig zerstört und ein jüdisches Wohnviertel mit rund 60 Häusern niedergebrannt. In den folgenden Nächten wurden in derselben Weise 2.300 Juden unschädlich gemacht. In anderen Teilen Litauens fanden nach dem in Kauen gegebenen Beispiel ähnliche Aktionen, wenn auch in kleinerem Umfange, statt, die sich auch auf zurückgebliebene Kommunisten erstreckten.

Durch Unterrichtung der Wehrmachtsstellen, bei denen für diese Vorgehen durchweg Verständnis vorhanden war, liefen die Selbstreinigungsaktionen reibungslos ab. Dabei war es von vornherein selbstverständlich, dass nur die ersten Tage nach der Besetzung die Möglichkeit zur Durchführung von Progromen boten. Nach der Entwaffnung der Partisanen hörten die Selbstreinigungsaktionen zwangsläufig auf.

Wesentlich schwieriger war es, in Lettland ähnliche Säuberungsaktionen und Progrome in Gang zu bringen. Im wesentlichen war dies darauf zurückzuführen, dass die gesamte nationale Führungsschicht, insbesondere in Riga, von den Sowjets ermordet oder verschleppt worden war. Es gelang zwar, auch in Riga durch entsprechende Einwirkung auf die lettische Hilfspolizei ein Judenprogrom in Gang zu setzen, in dessen Verlauf sämtliche Synagogen zerstört und etwa 400 Juden getötet wurden. Da in Riga sehr schnell eine allgemeine Beruhigung der Bevölkerung eintrat, waren weitere Progrome nicht tragbar.

Soweit möglich, wurde sowohl in Kauen als auch in Riga durch Film und Photo festgehalten, dass die ersten spontanen Exekutionen der Juden und Kommunisten von Litauern und Letten durchgeführt wurden.

In Estland ergaben sich angesichts der verhältnissmässig geringen Zahl von Juden keine Möglichkeiten zur Einleitung von Progromen. Die estnischen Selbstschutzkräfte haben lediglich in Einzelfällen besonders verhasste Kommunisten unschädlich gemacht, sich im allgemeinen aber auf die Durchführung von Festnahmeaktionen beschränkt.

  1. Bekämpfung des Kommunismus.

Im Vordergrund der sicherheitspolizeilichen Arbeit in allen Teilen des Einsatzraumes stand die Bekämpfung des Kommunismus und des Judentums.

Mit der Sowjetarmee waren die Sowjetbeamten und die Sowjetfunktionäre der K.P. geflohen. Die Bevölkerung der baltischen Länder hat auf Grund der Erfahrungen der mehr als einjährigen bolschewistischen Zwangsherrschaft die Notwendigkeit erkannt, dass auch die nach dem Rückzug der Roten Armee übriggebliebenen Reste des Kommunismus beseitigt werden müssen. Diese Grundeinstellung erleichterte die sicherheitspolizeiliche Säuberungsarbeit auf diesem Gebiet wesentlich, zumal aktive nationalistische Kreise, also in Litauen die Partisanen, in Lettland und Estland die Selbstschutzkräfte, bei dieser Säuberung mitwirkten.

  1. Sicherstellung des Materials.

Die auf diesem Arbeitsgebiet durchzuführenden sicherheitspolizeilichen Massnahmen waren in den baltischen Ländern im wesentlichen gleichwertig. Von den Sonderkommandos wurden zunächst die wichtigsten Gebäude der kommunistischen Partei und ihrer Nebenorganisationen, Redaktionsräume der kommunistischen Presse, Diensträume der Berufsverbände und die Wohnungen der geflüchteten kommunistischen Spitzenfunktionäre besetzt und durchsucht. Diese Arbeit, die von den Sonderkommandos überall vor dem Eintreffen der Erfassungskommandos der Abwehrabteilung des OKW in Angriff genommen wurde, wurde von den Hauptkommandos weitergeführt und auf alle Gebäude ausgedehnt, in denen irgendwelches Material zu vermuten war. Die Sicherstellung des Materials war an vielen Stellen dadurch erschwert, dass Selbstschutzkräfte in den wichtigsten Gebäuden selbst Durchsuchungen vornahmen und Material mitzunehmen versuchten, das erst wieder herbeigeschafft werden musste. In fast allen kommunistischen Partei- und Staatsgebäuden war trotz des schnellen sowjetrussischen Rückzuges der grösste Teil des Akten- und Karteimaterials von den Russen vernichtet oder mitgenommen worden. Die Nachrichtenübermittlungsgeräte wurden durchweg zerstört.

Die sorgfältige Sichtung und Bearbeitung des zurückgelassenen Materials ergab trotzdem eine Fülle wertvoller Hinweise. Die Auswertungsarbeit wurde zunächst hauptsächlich darauf abgestellt, die Unterlagen für die Erfassung und Unschädlichmachung der zurückgebliebenen massgeblichen Kommunisten zu schaffen und zu vervollständigen. Zahlreiche Namensverzeichnisse gaben wertvolle Hinweise, die durch Befragung von Vertrauenspersonen und Bearbeitung der aus der Bevölkerung eingehenden Meldungen und Anzeigen ergänzt wurden.

Auch für die spätere Forschungsarbeit über den Kommunismus fiel einiges Material an. Soweit die Arbeitslage es zuliess, wurde es bereits ausgewertet. Hierbei wird zunächst angestrebt, einen möglichst genauen Einblick in die Organisation und Arbeitsweise der sowjetischen Behörden, insbesondere der GPU. zu gewinnen. Eine ziemlich genaue Übersicht gibt das bisher in Lettland, insbesondere in Riga, vom EK 2 erfasste und ausgewertete Material. Ein Sonderbericht [Anl.] bericht hierüber ist als Anlage 6 beigefügt. Das in Estland bisher ausgewertete Material gibt, ergänzt durch die Aussagen der festgenommenen Spitzenfunktionäre, einen Überblick über die Organisation der obersten Behörden und Dienststellen der Estnischen Sozialistischen [Anl.] Sowjetrepublik. Auf die als Anlage7 beigefügte Übersichtszeichnung, die gleichzeitig ein Bild von der Bedeutung der festgenommenen Funktionäre gibt, darf verwiesen werden.

In grösseren Mengen wurde kommunistisches Propagandamaterial erfasst. Soweit die erfassten Unterlagen, insbesondere Karten, sowjetrussische Ausbildungsvorschriften und Dienstanweisungen, in erster Linie militärisch bedeutsam waren, wurden sie unverzüglich den Abwehrstellen oder den sonst in Betracht kommenden militärischen Dienststellen übergeben.

  1. Fahndung und Festnahme von Kommunisten.

Neben den Durchsuchungsaktionen wurde eine systematische Fahndung nach zurückgebliebenen kommunistischen Funktionären und Rotarmisten und der durch ihre Tätigkeit für den Kommunismus stärker belasteten Personen durchgeführt. Stellenweise hatten die Selbstschutzkräfte die berüchtigtsten Kommunisten bereits spontan unschädlich gemacht.

In den grösseren Städten wurden unter Einsatz aller verfügbaren Kräfte der Kommandos und der gesamten Selbstschutzformationen sowie mit Unterstützung der deutschen Ordnungspolizei Grossaktionen durchgeführt, in deren Verlauf zahlreiche Festnahmen und Durchsuchungen erfolgten.

Nach Durchführung dieser vordringlichsten Aufgaben in den Städten wurde durch kleine Teilkommandos auch die Säuberung auf dem Lande in Angriff genommen. Hierbei leisteten wiederum die Selbstschutzkräfte wertvolle Mitarbeit. Ländliche Selbstschutzverbände haben stellenweise die in ihrem Bereich erfassten Kommunisten auf Entfernungen von 150 km zu den Einsatzkommandos transportiert.

Der Umfang der Säuberungsarbeit bei der Bekämpfung des Kommunismus ist aus der als [Anl.] Anlage 8 beigefügten Übersicht über die Zahl der Exekutionen ersichtlich.

  1. Bekämpfung der illegalen kommunistischen Arbeit.

Neben der Durchführung der Säuberungsarbeit wurde besonderes Augenmerk auf alle Versuche der Fortführung kommunistischer Tätigkeit gerichtet. Stellenweise kam es in den ersten Tagen und Wochen nach der Besetzung zu nächtlichen Feuerüberfällen auf deutsche Posten und Dienststellen. Besonders in Libau, das vor und während der Bolschewistenzeit als „röteste“ Stadt Lettlands galt, hat das hier eingesetzte Teilkommando erfolgreiche Abwehrarbeit geleistet.

Vereinzelt fanden Zusammenkünfte von Kommunisten statt, bei denen die Aufnahme einer illegalen Tätigkeit erörtert wurde. Es gelang, eine ganze Reihe solcher Gruppen zu erfassen und unschädlich zu machen. Ein schnelles Zugreifen war umso notwendiger, als von vorneherein damit gerechnet werden musste, dass die Bolschewisten eine grössere Anzahl zuverlässigen Anhänger zum Aufbau der illegalen Arbeit im Lande zurückgelassen hatten. Um auch diesen Kreis möglichst umfassend unschädlich zu machen, wurde ein Netz von V-Männern errichtet, das ständig ausgebaut wird. Auf diese Weise ist es in Lettland gelungen, Einblick in die meist aus Russen bestehende Terrororganisation zu bekommen, die u.a. beabsichtigt, die im Zentralgefängnis Riga einsitzenden Kommunisten mit Waffengewalt zu befreien. Acht Mitglieder dieser Organisation wurden bereits festgenommen. Zurzeit laufen Ermittlungen über eine grössere Organisation, das sogenannte „Territorialkorps zur Befreiung Lettlands“. Dieses Korps ist in Gorkyj aufgestellt worden und soll aus zwei Gruppen von 120 Mann bestehen. Ein Teil dieses Korps arbeitet in Riga und beschränkt sich z.Zt. noch auf das Erkunden von Sabotagemöglichkeiten.

Auch in der Provinz soll diese Organisation ihre Tätigkeit bereits aufgenommen haben. Führer des Korps ist ein aus Moskau entsandter kommunistischer Funktionär. Zu gegebener Zeit wird die Organisation, die weiter mit V-Männern durchsetzt wird, unschädlich gemacht.

Abgesehen von vereinzelter Verteilung von Hetzflugblättern, in denen zum Widerstand gegen die Besatzungsgruppen und zum Ausharren aufgefordert wird, ist eine aktive kommunistische Wühlarbeit bisher in Lettland nicht festgestellt worden. Es kann mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, dass Lettland im wesentlichen von aktiven Kommunisten gesäubert ist. Dieses ergibt sich u.a. auch daraus, dass die Zahl der Sabotageakte, der Beschädigung von Wehrmitteln und der Brandstiftungen überaus gering ist.

In Estland wurde hinsichtlich der Aufnahme der illegalen Arbeit festgestellt, dass die Parteileitung in Moskau Ende Juli den Zentralkomitees der Bundesrepubliken den Befehl erteilt hatte, in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten geeignete Mitglieder der Partei zurückzulassen, um illegal arbeitende Gruppen zu bilden und insbesondere den Partisanenkrieg zu organisieren. Sie sollten sich zunächst einige Wochen in Reval verbergen und dann mit dem Aufbau der illegalen Parteiorganisation beginnen. Die frühzeitige Festnahme der 7 massgebendsten Funktionäre und die Flucht zahlreicher Kommunisten, die für die Mitarbeit in Betracht gekommen wären, verhinderte den zentralen Parteiaufbau in Estland. Die Festgenommenen erklärten bei der Vernehmung übereinstimmend, dass sie noch keine Verbindungen aufgenommen hätten. Die Bedeutung der festgenommenen Spitzenfunktionäre ist aus der als [Anl.] Anlage 7 beigefügten Übersicht über die früheren obersten sowjetischen Behörden in Estland ersichtlich.

Im Kreis Dorpat wurden einige Terrorgruppen erfasst, die im ganzen Land Sabotage- und Terrorakte verüben sollten. Ausser der Zerstörung einiger Kabel und einem Brand in Reval sind auch in Estland bisher Sabotageakte nicht verübt worden. Auf Grund der von den festgenommenen Funktionären gemachten Aussagen laufen zurzeit noch umfangreiche Fahndungsmassnahmen,

3) Bekämpfung des Judentums.

Es war von vorneherein zu erwarten, dass allein durch Progrome das Judenproblem im Ostlande nicht gelöst werden würde. Andererseits hatte die sicherheitspolizeiliche Säuberungsarbeit gemäss den grundsätzlichen Befehlen eine möglichst umfassende Beseitigung der Juden zum Ziel. Es wurden daher durch Sonderkommandos, denen ausgesuchte Kräfte – in Litauen Partisanentrupps, in Lettland Trupps der lettischen Hilfspolizei – beigegeben wurden, umfangreiche Exekutionen in den Städten und auf dem flachen Lande durchgeführt. Der Einsatz der Exekutionskommandos war reibungslos. Bei der Zuteilung von litauischen und lettischen Kräften zu den Exekutionskommandos wurden insbesondere solche Männer ausgewählt, deren Familienmitglieder und Angehörige von den Russen ermordet oder verschleppt worden waren.

Zu besonders scharfen und umfassenden Massnahmen musste in Litauen gegriffen werden. Die Juden hatten sich stellenweise – insbesondere in Kauen – bewaffnet, beteiligten sich aktiv am Heckenschützenkrieg und legten Brände an. Im übrigen haben die Juden in Litauen in besonders aktiver Weise mit den Sowjets Hand in Hand gearbeitet.

Die Gesamtzahl der in Litauen liquidierten Juden beläuft sich auf 71.105.

Bei den Progromen wurden in Kauen 3.800, in den kleineren Städten rund 1.200 Juden beseitigt.

Auch in Lettland beteiligten sich die Juden nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht als Saboteure und Brandstifter. In Dünaburg wurden von Juden derart viele Brände angelegt, dass ihnen ein grosser Teil der Stadt zum Opfer fiel. Das Elektrizitätswerk brannte vollständig aus. Die hauptsächlich von Juden bewohnte Strassenzüge blieben unversehrt.

In Lettland sind bisher insgesamt 30.000 Juden exekutiert worden. 500 wurden durch die Progrome in Riga unschädlich gemacht.

Von den 4.500 Juden, die bei Beginn des Ostfeldzuges in Estland lebten, sind die meisten beim Rückzug der Roten Armee geflüchtet. Etwa 2.000 sind zurückgeblieben. Allein in Reval wohnten fast 1.000 Juden.

Die Festnahme aller männlichen Juden über 16 Jahre ist fast abgeschlossen. Mit Ausnahme der Ärzte und der vom Sonderkommando eingesetzten Juden-Ältesten werden sie durch den estnischen Selbstschutz unter Kontrolle des Sonderkommandos 1 a exekutiert. Die arbeitsfähigen, in Reval und Pernau wohnenden Jüdinnen im Alter von 16 bis 60 Jahren wurden festgenommen und zum Torfstechen und sonstigen Arbeitsleistungen eingesetzt.

In Harku wird zurzeit ein Lager errichtet, in das alle Juden aus Estland eingewiesen werden, so dass in kurzer Zeit Estland judenfrei sein wird.

Schon nach Durchführung der ersten grösseren Exekutionen in Litauen und Lettland zeigt es sich, dass eine restlose Beseitigung der Juden nicht durchführbar ist, zumindest nicht im jetzigen Zeitpunkt. Da das Handwerk in Litauen und Lettland zum grossen Teil in jüdischen Händen liegt und manche Berufe (insbesondere Glaser, Klempner, Ofensetzer, Schuhmacher) fast ausschliesslich von Juden ausgeübt werden, ist ein grosser Teil der jüdischen Handwerker bei der Instandsetzung lebenswichtiger Anlagen, für den Wiederaufbau der zerstörten Städte und für kriegswichtige Arbeiten zurzeit unentbehrlich. Wenngleich von den Betrieben angestrebt wird, die jüdischen Arbeitskräfte durch litauische und lettische zu ersetzen, ist eine sofortige Ablösung aller im Arbeitsprozess eingesetzten Juden noch nicht möglich, insbesondere nicht in den grossen Städten. Dagegen werden in Zusammenarbeit mit den Arbeitsämtern z.Zt. die nicht mehr arbeitsfähigen Juden erfasst und demnächst in kleinen Aktionen exekutiert.

Erwähnt sei in diesem Zusammenhang noch der stellenweise erhebliche Widerstand der Dienststellen der Zivilverwaltung gegen die Durchführung von Exekutionen grösseren Umfanges, denen überall mit dem Hinweis darauf, dass es sich um die Durchführung grundsätzlicher Befehle handele, entgegengetreten wurde.

Neben der Organisierung und Durchführung der Exekutionsmassnahmen wurde gleich in den ersten Tagen des Einsatzes in den grösseren Städten auf die Schaffung von Ghettos hingewirkt. Besonders dringlich war dies in Kauen, da dort bei einer Gesamteinwohnerzahl von 152.400 30.000 Juden wohnten. Daher wurde nach dem Abrollen der ersten Progrome ein jüdisches Komitee vorgeladen, dem eröffnet wurde, dass die deutschen Stellen bisher keinen Anlass gehabt hätten, in die Auseinandersetzungen zwischen Litauern und Juden einzugreifen. Voraussetzung für die Schaffung normaler Verhältnisse sei zunächst die Errichtung eines jüdischen Ghettos. Als von dem jüdischen Komitee Einwendungen erhoben wurden, wurde erklärt, dass anders keine Möglichkeit bestehe, weitere Progrome zu verhindern. Die Juden erklärten sich daraufhin sofort bereit, alles zu tun, um ihre Rassegenossen mit grösster Beschleunigung in den als jüdisches Ghetto vorgesehenen Stadtteil Viliampol umzusiedeln. Dieser Stadtteil liegt in dem Dreieck zwischen der Memel und einem Zufluss und ist nur durch eine Brücke mit Kauen verbunden und daher leicht absperrbar.

In Riga wurde als Ghetto die sogenannte „Moskauer Vorstadt“ bestimmt. Es handelt sich hier um das schlechteste Wohnviertel in Riga, das auch bisher schon im wesentlichen von Juden bewohnt war. Die Einweisung der Juden in den Ghettobezirk war ziemlich schwierig, weil die dort noch wohnenden Letten ausgesiedelt werden mussten und der Wohnraum in Riga sehr beengt ist. Von den in Riga verbliebenen insgesamt rund 28.000 Juden sind bisher 24.000 im Ghetto untergebracht. Die Sicherheitspolizei beschränkte sich bei der Schaffung der Ghettos auf rein polizeiliche Aufgaben, während die Einrichtung und Verwaltung der Ghettos sowie die Regelung der Verpflegung der Insassen der Zivilverwaltung und ihr Arbeitseinsatz den Arbeitsämtern überlassen wurden.

Auch in den übrigen Städten, in denen noch eine grössere Anzahl von Juden wohnt, werden Ghettos eingerichtet.

Die Kennzeichnung der Juden durch einen gelben Davidstern auf der Brust und auf dem Rücken, die zunächst durch vorläufige sicherheitspolizeiliche Befehle angeordnet wurde, ist auf Grund entsprechender Anordnungen des Befehlshabers für das rückwärtige Heeresgebiet und später der Zivilverwaltung in kurzer Zeit durchgeführt worden.

Die Zahl der bisher liquidierten Juden ist aus der als Anlage 8 beigefügten Aufstellung ersichtlich.

4) Partisanen-Bekämpfung.

In den ersten Wochen des Krieges stellten die Sowjets Partisanenregimenter auf, die den Auftrag hatten, hinter den deutschen Linien bis weit in das rückwärtige Heeresgebiet hinein Sabotageakte durchzuführen und auf jede nur denkbare Weise Beunruhigung durch Überfälle und Terrorakte hervorzurufen. Neben diesen durch die deutschen Linien geschickten Einheiten bildeten sich aus den zurückgebliebenen Kommunisten und versprengten Rotarmisten Partisanengruppen, die in derselben Weise tätig wurden. Ausserdem wurden an verschiedenen Stellen Partisanen als Fallschirmabspringer eingesetzt.

Nachdem zunächst von den sicherheitspolizeilichen Einsatzkommandos und von der Wehrmacht einzelne Teile des zu säubernden Gebietes systematisch durchkämmt wurden, ergab sich auf Grund der hierbei gesammelten Erfahrungen sehr bald, dass eine Bekämpfung der Partisanen nur auf nachrichtendienstlicher Grundlage erfolgsversprechend ist. Da der Aufbau eines Nachrichtennetzes allein nicht ausreicht, wurden die den Kommandos zugeteilten lettischen Dolmetschertrupps als Zivilerkunder eingesetzt. Auf diese Weise wurden ständig zunehmende Erfolge bei der Aufspürung der Partisanen erzielt. Stellenweise wurden eigene Kräfte zur Unschädlichmachung der Partisanentrupps eingesetzt. Soweit erforderlich, wurden gemeinsam mit Wehrmachtsteilen grössere Aktionen durchgeführt. Das Nachrichtennetz wurde so ausgebaut, dass die Orts- und Feldkommandanturen die Aufgabe der Nachrichtenanlaufstellen übernehmen und die eingehenden Meldungen an die in Betracht kommenden Truppenteile weiterleiten. Bei der eigentlichen Partisanenbekämpfung wurde eine Menge von Erfahrungen gesammelt. Durch Vernehmung von gefangenen Mitgliedern der Partisanentrupps und sonstigen Gefangenen ergab sich im Laufe der Zeit ein ziemlich vollständiger Überblick über die Zusammensetzung, die Aufgaben und die Kampfesweise der Partisanen. Diese Erfahrungen wurden sorgfältig ausgewertet und in Form von Erfahrungsberichten, die von den Armeen erbeten wurden, verwertet. Abschriften der letzten Erfahrungsberichte sind als Anlage 9 beigefügt.

5) Sonstige sicherheitspolizeiliche Arbeiten.

1) Gelegentlich machten die Zustände in den Irrenanstalten sicherheitspolizeiliche Massnahmen erforderlich. Zahlreiche Anstalten waren von den Russen beim Rückzug aller Verpflegungsvorräte beraubt worden. Das bewachungs- und Pflegepersonal war vielfach geflüchtet. Da die Insassen aus verschiedenen Anstalten ausbrachen und zu einer Gefahr für die Sicherheit wurden, wurden,

in Aglona (Litauen) 544 Geisteskranke

in Mariampol ´´ 109 ´´

und in Mogutowo

(bei Luga) 95 ´´

insgesamt 748 Geisteskranke liquidiert.

In einigen Fällen baten Wehrmachtsdienststellen, auch andere Anstalten, die für Quartierszwecke benötigt wurden, in der gleichen Weise zu säubern. Da hier jedoch sicherheitspolizeiliche Belange ein Eingreifen nicht erforderlich machten, wurde den Wehrmachtsstellen anheimgestellt, mit eigenen Kräften die für notwendig erachteten Massnahmen zu treffen.

2) Die Einsatzkommandos veranlassten in grossem Umfange die Nachforschung nach Verschleppten, ferner die Exhumierung und Identifizierung von den Bolschewisten ermordeter Personen. Aus propagandistischen distischen Gründen wurden hierbei die Propagandastaffeln der Wehrmacht und stellenweise auch die ausländische Presse beteiligt.

In Estland wurde die Ausgrabung der von den Russen ermordeten Esten in grösserem Umfange organisiert. Angesichts des Umfanges der in dieser Hinsicht zu leistenden Arbeit wurde in Reval eine Zentralstelle geschaffen, die unter Aufsicht der Sicherheitspolizei systematisch nach dem Verbleib der Verschleppten und Ermordeten fahndet.

Das Ausmass dieser Arbeit zeigt die Tatsache, dass allein aus Reval 30.000 Männer als vermisst gemeldet sind.

III. Spionageabwehr.

Das Netz des englischen, französischen und amerikanischen Nachrichtendienstes, das in den baltischen Ländern aufgebaut worden war, ist infolge der Flucht oder Beseitigung der Agenten zerrissen. Durch die zurzeit laufenden Ermittlungsarbeiten werden die letzten Reste unschädlich gemacht. In Litauen sind bisher 28 Personen wegen Spionageverdachts festgenommen worden. Hiervon wurden den Staatspolizeistellen Königsberg und Tilsit 7 überstellt. Die übrigen Fälle sind z.Zt. noch nicht abschliessend bearbeitet.

In Lettland wurden 11 Personen wegen Spionage festgenommen. In 25 weiteren Fällen laufen die Vorermittlungen.

Es muss damit gerechnet werden, dass der feindliche Nachrichtendienst, insbesondere der englische, in nächster Zeit versuchen wird, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen, um neben der Spionagetätigkeit Sabotageorganisationen aufzuziehen und Möglichkeiten zur Aufhetzung der Bevölkerung der besetzten Länder zu schaffen. Durch Aufbau eines ausgedehnten Netzes von V-Personen und weitere enge Zusammenarbeit mit den Abwehrstellen wird diesen Versuchen entgegengewirkt, soweit die geringe Zahl der zur Verfügung stehenden, in der Abwehrarbeit geschulten Kräften dies möglich macht.

  1. Personenüberprüfung und Karteiwesen.

Die Überprüfungen von Personen auf ihre politische Zuverlässigkeit nimmt ständig grösseren Umfang an. Ausser der Überprüfung der bei den Behörden beschäftigten Personen läuft die Überprüfung der in den wichtigsten Betrieben beschäftigten Personen. Bei der Herbeischaffung des Auskunftsmaterials leisten die Hilfspolizeien wertvolle Mitarbeit. Da die Aufstellung der Kartei der politisch nachteilig in Erscheinung getretenen Personen gleich bei Beginn der Arbeit in Angriff genommen wurde und systematisch fortgeführt wurde, sind in Lettland bereits 23.000 Personen karteimässig erfasst. Die Kartei in Litauen umfasst über 10.000 Karteikarten.

  1. Kriminalpolizeiliche Arbeit.

Nach der Eingliederung der baltischen Staaten in die UdSSR wurde die kriminalpolizeiliche Arbeit von der roten „Milizverwaltung“ übernommen. Die bisherigen Leiter der Kriminalpolizeidienststellen wurden durchweg ihres Amtes enthoben, in Haft genommen oder ermordet. Auch die übrigen Beamten wurden nach und nach entlassen und verschickt oder in Haft genommen und durch Juden oder aus Russland gekommene Funktionäre ersetzt.

Vor ihrer Flucht haben die sowjetischen Beamten bei der Vernichtung des Akten- und Karteimaterials nicht nur alle Unterlagen über ihre eigene kriminalpolizeiliche Arbeit, sondern auch die von den ehemaligen Kriminalpolizeien übernommenen Karteien und Akten beseitigt oder verschleppt.

Die starke Inanspruchnahme der Einsatzkommandos durch die Befriedigungs- und Säuberungsarbeit während der ersten Wochen und Monate machte es unmöglich, mit eigenen Kräften auch kriminalpolizeiliche Aufgaben in grösserem Umfang durchzuführen. Es wurde deshalb im Zuge des Aufbaues der Hilfspolizeien besonderer Wert darauf gelegt, aus landeseigenen Kräften das Kriponetz neu zu errichten. Es wurden zunächst Präfekten und Kreispolizeichefs eingesetzt, die frühere Kripobeamte und sonstige geeignete Mitarbeiter heranzogen. Eine sorgfältige Überprüfung dieser Kräfte und eine sehr weitgehende Kontrolle der Tätigkeit dieser Dienststellen gewährleistete ein Arbeiten nach dem von der deutschen Sicherheitspolizei gegebenen Richtlinien.

Grundsätzlich wurde in den Kripodienststellen der baltischen Länder folgende Regelung getroffen:

Die landeseigenen Kripodienststellen berichten den Einsatzkommandos oder den örtlichen Teilkommandos und Aussenstellen täglich über die bei ihnen anfallenden Vorgänge und die durchgeführten Festnahmen und Durchsuchungen. Soweit es sich um Straftatbestände handelt, bei denen deutsche Militär- oder Zivilpersonen beteiligt oder geschädigt worden sind, wird die weitere Bearbeitung nach der ersten Feststellung des Tatbestandes von der deutschen Sicherheitspolizei übernommen. Nachdem der Aufbau der kriminalpolizeilichen Dienststellen beendet ist, ist nunmehr die Errichtung eines straff organisierten kriminalpolizeilichen Netzes in Angriff genommen worden.

Weiter muss erreicht werden, dass das Fahndungswesen sehr eng an die Fahndung im Reich angegliedert wird. Von Amt V sind Muster der im Kartei- und Fahndungswesen gebräuchlichen Vordrucke angefordert worden. Ferner wird zurzeit daran gearbeitet, die bisher in diesem Raum unbekannte vorbeugende Verbrechensbekämpfung zu organisieren. Um bis zur Einführung vorbeugender Massnahmen die schwersten Fälle zu bereinigen, werden Berufsverbrecher von den Einsatzkommandos übernommen und, sofern es der Sachverhalt geboten erscheinen lässt, exekutiert.

In Litauen war das gesamte kriminalpolizeiliche Aktenmaterial von den Bolschewisten verschleppt worden, wurde aber zum Teil in Wilna aufgefunden und der litauischen Kriminalpolizei übergeben. Nach den vom EK 3 gegebenen Weisungen wurde das polizeiliche Meldewesen und die Fahndungsarbeit in Gang gebracht. Die Zahl der bei der litauischen Kriminalpolizei bisher angefallenen schwereren Verbrechen ist sehr gering. Am stärksten ist der Arbeitsanfall im Diebstahlsreferat. Besondere Massnahmen mussten in Kauen auf dem Gebiet der Sittenpolizei getroffen werden. Um eine weitere Verbreitung der dort besonders häufigen Geschlechtskrankheiten zu verhüten, wurden in Zusammenarbeit mit der Feldkommandantur die notwendigen Massnahmen getroffen. Es werden laufend Razzien und Streifen in Parkanlagen, Hotels und Kaffeehäusern durchgeführt, um insbesondere geschlechtskranke Prostituierte zu erfassen.

Am weitesten vorgeschritten ist der Aufbau der Kriminalpolizei in Lettland. Die Russen haben bei ihrem Rückzug hier lediglich die Strafkartei, die seit dem Jahre 1914 geführt wird, zurückgelassen, alles übrige Aktenmaterial und kriminaltechnisches Gerät aber vernichtet. Die Besetzung und Organisation der lettischen Kriminalpolizei geht aus [Anl.] der als Anlage 10 beigefügten Übersicht hervor.

[Anl.] Die gleichfalls als Anlage 11 beigefügte Tätigkeitsübersicht für die Monate Juli/September 41 zeigt das Ausmass der Kriminalität und die Erfolge der lettischen Kriminalpolizei.

Auch in Estland ist der Aufbau der Kriminalpolizei im wesentlichen [Anl.] beendet (Vergl. Anlage 12). Die Aufnahme der Kripoarbeit in Estland war besonders dadurch erschwert, dass die Russen bei ihrem Rückzug sämtliche Karteien und Akten vernichtet oder verschleppt haben. Die Kriminalität in Estland ist äusserst gering. Bemerkenswert ist, dass z.B. in Reval innerhalb von sechs Wochen nur ein einziger Fall eines schweren Diebstahls zur Bearbeitung kam. Plünderungen und Raubüberfälle sind überhaupt nicht zu verzeichnen. Die estnische Kriminalpolizei wurde in starkem Masse zur Ermittlung und Identifizierung der von den Russen ermordeten Esten herangezogen.

  1. Der altrussische Raum und Weissruthenien.

Wesentlich anders als im baltischen Raum sind naturgemäss die Verhältnisse in dem zum Raum der Einsatzgruppe A gehörenden altrussischen Gebiet und in Weissruthenien. Die sicherheitspolizeiliche Arbeit musste sich daher in diesen Gebieten in ganz anderem Rahmen bewegen.

Irgendwelche einheimischen Ordnungskräfte waren im altrussischen Gebiet nirgends vorhanden, so dass die Befriedigungsarbeit durch eigene Kräfte durchgeführt werden musste. Der russische Teil des Einsatzraumes ist sehr weit und dünn besiedelt. Ausser Pleskau, Luga und Nowgorod gibt es keine grösseren Städte. Diese drei, zum grossen Teil zerstörten Städte wurden in der üblichen Weise überholt. Die Zahl der zurückgebliebenen massgeblichen Kommunisten und Juden war jedoch verhältnismässig gering. Auch in den kleineren Ortschaften waren die meisten Kommunisten Funktionäre rechtzeitig geflüchtet.

Das Schwergewicht der sicherheitspolizeilichen Arbeit in diesem Teil des Einsatzraumes lag in der Bekämpfung des Partisanenunwesens. (Siehe hierzu oben bei A II,4.)

Da Weissruthenien bisher von der Einsatzgruppe B bearbeitet und erst kürzlich übernommen wurde, wird auf die Berichterstattung der Gruppe B Bezug genommen. Zurzeit laufen die ersten grösseren Säuberungsaktionen. Von der Einsatzgruppe B wurden bisher 7.620 Juden in Borrissow liquidiert. Die im Lande verbliebenen benen Kommunisten entfalten eine starke Aktivität. Nach Durchführung der nötigen Vorarbeiten wird auch in dieser Hinsicht eine umfassende Säuberung durchgeführt. Die zahlreichen Partisanentrupps schaffen in allen Teilen Weissrutheniens erheblichen Beunruhigung. Die bisher zur Partisanenbekämpfung eingesetzten Wehrmachtsteile werden durch die sicherheitspolizeilichen Einsatzkommandos, insbesondere hinsichtlich der Errichtung eines Nachrichtennetzes, unterstützt.

Weitere umfangreiche Massnahmen werden sich gegen die polnischen Chauvinisten richten, die sich Hand in Hand mit Juden und Kommunisten in äusserst starker Weise deutschfeindlich betätigen.

Der Aufbau der kriminalpolizeilichen Arbeit in Weissruthenien ist im Gange. Da in dem altpolnischen Teil Weissrutheniens von Wehrmachtsdienststellen in starkem Umfange Polen als Hilfsorgane herangezogen worden sind, die Heranziehung von Polen zu hilfspolizeilichen Aufgaben aber politisch nicht tragbar ist, andererseits aber geeignete weissruthenische Kräfte nur in sehr geringem Umfange zur Verfügung stehen, wird der Aufbau der kriminalpolizeilichen Arbeit dort erheblich langsamer durchgeführt werden können, als im baltischen Raum.

Im altrussischen Teil des Einsatzraumes muss die kriminalpolizeiliche Arbeit in Ermangelung jeglicher landeseigener Ordnungskräfte von den Einsatzkommandos selbst durchgeführt werden. Sie konnte sich naturgemäss nur darauf beschränken, aufgegriffene Schwerverbrecher und Gewohnheitsverbrecher zu exekutieren.

Übersicht über die Lage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen.

Das Gebiet der Einsatzgruppe A, soweit es sich mit dem Bereich des Reichskommissariats Ostland deckt, ist geschichtlich und volkstumsmässig in zwei Teile zu trennen, nämlich in die ehemaligen baltischen Staaten Litauen, Lettland, Estland und Weissruthenien. Geschichtlich ist eine Trennung notwendig, weil Weissruthenien schon seit der russischen Revolution der UdSSR angehört, die baltischen Staaten jedoch erst am 17. Juni 1940 durch äusseren Druck der Sowjet-Union einverleibt wurden. Volkstumsmässig scheint eine Trennung angebracht, weil die Völker der baltischen Staaten, insbesondere die Letten und Esten, einen hohen nordischen [Anlag. 13]  Blutsanteil besitzen, die Einwohner Weissrutheniens dagegen vorwiegend ostisch sind.

Die baltischen Staaten hatten sich vor dem 17. Juni 1940 sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht den westeuropäischen Staaten angeschlossen. Die Aussenpolitik steuerte einen ausgesprochenen proenglischen Kurs, wobei vor allem Lettland die treibende Kraft war, und stand vollständig unter dem Einfluss von Freimaurern und sonstigen jüdisch-plutokratischen Organisationen. Die deutsch-feindliche

Stimmung wurde durch geschickte Propaganda gefördert und der Gedanke unterstützt, dass die baltischen Staaten ihre Selbständigkeit den Engländern und Franzosen zu verdanken hätten, und dass nur auf Grund der engen Verbindung mit England und seiner Unterstützung ein hohes kulturelles und soziales Niveau erreicht und so hervorragende wirtschaftliche Erfolge hätten erzielt werden können. Zur Vertiefung dieser Politik wurden besonders in Lettland englische und französische Sprachschulen gegründet, die beiden Sprachen der Mittelschule als Hauptfächer eingeführt, Filme deutsch-feindlichen Inhalts gedreht und schliesslich die geschichtliche Entwicklung so dargestellt, dass sie zu Dank gegen England verpflichtete.

Der Lebens- und Kulturstandard war, insbesondere in Estland und Lettland, relativ hoch; der Arbeiter lebte in guten wirtschaftlichen Verhältnissen und konnte mit seinem Jahresverdienst von durchschnittlich 1 674 Lats (Lettland) ein sorgenfreies Dasein führen. Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Geistesarbeiters betrug 2 921 Lats (Lettland und wurde nach folgendem Index verbraucht:

Arbeiter Geistesarbeiter
Ernährung 42% 30%
Bekleidung 13% 14%
Wohnung 15% 15%
Sonstiges 30% 41%

Aus dem hohen Prozentsatz der Indexziffer „Sonstiges“ ergibt sich, dass der Arbeiter fast ein Drittel seines Gehaltes für nicht lebensnotwendige Dinge ausgeben konnte, der Geistesarbeiter sogar beinahe die Hälfte.

Die soziale Gesetzgebung umfasste Hinterbliebenen- und Unfallversorgung, ein besonderes Gesetz sicherte dem Arbeiter Erholung und Urlaub und schliesslich war die Krankenkassenversorgung beinahe vorbildlich organisiert. Die ärztliche Betreuung war in Stadt und Land ausreichend, ebenso genügte die staatliche Gesundheitslenkung an sie gestellten Anforderungen. In Lettland gab es z.B. 3 staatliche Säuglingsheime, mehrere Kinderheime, 84 Kindergärten; ferner wurden bedürftigen Müttern unentgeltlich Säuglingsausstattungen zur Verfügung gestellt, kinderreiche Familien erhielten besondere Unterstützung. Gleichzeitig hatten die baltischen Staaten Pensionsgesetze und verfügten über Wohlfahrt[sfonds?] zur Versorgung nicht pensionsberechtigter Bedürftiger.

Das Schulwesen, das nach dem Weltkrieg noch völlig unentwickelt war, wurde im Laufe der folgenden 20 Jahre auf ein dem Kulturstand der Weststaaten entsprechendes Niveau gebracht. Analphabeten gab es nur noch vereinzelt in Litauen. Relativ beträchtlich war die Zahl der konfessionellen Lehr-anstalten. So gab es z.B. in Lettland insgesamt 108 mit 14 715 Schülern, gegenüber 77 Mittelschulen mit 17 052 Schülern. Universitäten gab es in Dorpat, Riga und Kowno.

Die Kunst war ebenso wie das übrige kulturelle Leben vorherrschend jüdisch eingestellt, insbesondere in Lettland und Litauen.

Das Pressewesen war stark ausgebaut und zum Teil sogar übersteigert, wie aus der Zahl von 186 Zeitungen und Zeitschriften für das lettische 2 Millionen Volk hervorgeht.

Wirtschaftlich gesehen sind die baltischen [Anlag. 14] Staaten vorwiegen landwirtschaftlich ausgerichtet. Alle drei Staaten hatten eine stark ausgebaute Landwirtschaft und hochentwickelte Viehzucht. Die Erträgnisse wurden nur zum Teil im eigenen Land verbraucht, ausgeführt wurden vor allem Butter, Eier, Käse und Fleischkonserven. Die Zahl der volksfremden Landarbeiter war lediglich in Litauen beträchtlich, was durch den ohnehin zahlenmässig sehr starken Prozentsatz der dort ansässigen Polen bedingt war. Lettland benötigte für seine Landwirtschaft 1939 nur noch etwas über 12 000 Polen und über 20 000 Russen. Die Intensivierung der Bodenbewirtschaftung kommt allerdings bei weitem nicht an die deutsche heran, sodass die Hektarerträge bis zu 50% unter denen des deutschen Reiches liegen. Auch die Anwendung von künstlichen Düngemitteln, Mechanisierung und Motorisierung lassen viel zu wünschen übrig, sodass die Zahl der notwendigen Arbeitskräfte in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Ertrag steht.

Die Industrie spielt in Estland eine gewisse Rolle. An Bodenschätzen ist vor allem Ölschiefer zu finden. Ein weiterer Grund für den relativ grosszügigen Ausbau der estnischen Industrie ist in der materiellen Denkweise der Esten zu suchen, da auf diesem Gebiet am meisten zu verdienen ist. Hervorzuheben sind neben den Ölschieferwerken eine Zementfabrik, bedeutende Holz- und Zellstofffabriken und schliesslich eine gut ausgebaute [Anlg.15] Lebensmittel- und Elektrizitätsversorgung.

In Lettland waren im Jahre 1935 ung. 14 % der Einwohnerzahl in der Industrie beschäftigt. Besonders ausgebaute Industriezweige stellen die Holz-, Papier- Nahrungsmittel und Flachsindustrie dar. Der Handel spielt auf Grund der geopolitischen Lage der Baltenstaaten von jeher eine bedeutende Rolle. In Lettland waren rund 10 % der Bevölkerung in 37 830 Handelsunternehmen beschäftigt. Ein grosser Teil der Unternehmungen waren staatliche Handelsunternehmen, vor allen in den Lebensmittelbranchen und den sonstigen Artikeln des täglichen Bedarfs. Ähnlich war die Lage in Litauen, wo insbesondere die Verteilung der landwirtschaftlichen Produkte einer Genossenschaft (Pieno Centras) oblag, die vom Staat kontrolliert wurde.

Die finanzielle Lage der drei Staaten entsprach dem jeweiligen Volksohlstand, Lettland und Estland hatten einen ausgeglichenen Steuerhaushalt, Litauen war zeitweise zur Aufnahme von Anleihen genötigt. In Lettland verteilte sich das Steueraufkommen von 112 Millionen Lats im Jahre 1938/39 fast zu 60% auf indirekte Steuern. Am stärksten, nämlich mit 60% des Verkaufspreises waren Rauchwaren, Zucker und Branntwein belegt, dann folgte Hefe mit 40%, Bier mit 30%, ferner Textilien und Salz. Die direkten Steuern, nämlich die Einkommensteuer, Haus- und Grundbesitz- und Umsatzsteuer, betrug rund 13% der Staatseinnahmen. Der Rest des Staatsbudgets verteilte sich auf den Verdienst staatlicher Unternehmungen und sonstiger wirtschaftlicher staatlicher Beteiligungen. Die gesamten Staatseinnahmen im Budgetjahr 1938/39 betrugen mehr als 20% des Volkseinkommens Lettlands.

Die von den Baltenstaaten verfolgte Politik musste in dem Augenblick zur Katastrophe führen, als durch die Entwicklung der Kriegshandlungen die Westmächte im Ostseeraum ausgeschaltet wurden und zwischen Deutschland und Russland in Gestalt des Herbstpaktes 1939 ein „politischer Waffenstillstand“ in Kraft trat. Mit einem Schlag sahen sich die baltischen Völker allein, in einer Situation, die ihnen in erbarmungsloser Brutalität die Wirklichkeitsferne der bisherigen Politik vor Augen führte und ohne Widerstand, im Bewusstsein ihrer Ohnmacht, haben sie sich dem Zugriff Moskaus ergeben. Das Jahr bolschewistischer Herrschaft hat in den Massen der baltischen Völker die Voraussetzung für die Erkenntnis geschaffen, dass ihre Behauptung ohne den Schutz einer Grossmacht im europäischen Kulturkreis unmöglich ist. Sowohl aus der gegenwärtigen wie geschichtlichen Entwicklung heraus konnte diese Macht nur das deutsche Reich sein.

Der sowjetische Staat verfolgte vom ersten Tag seiner Herrschaft in den baltischen Ländern das Ziel, das Land in einer gewaltsamen Art, und wenn notwendig mit brutalen Mitteln zu bolschewisieren. Die einschneidensten Massnahmen betrafen das Privateigentum. So wurde zunächst der gesamte Bodenbesitz nationalisiert und damit zum Staatseigentum erklärt. Die bisher selbstständigen Bauern wurden in Kolchosen zusammengefasst und bekamen für ihre Arbeit ein der Zahl der geleisteten Tagewerke entsprechendes Entgelt, das in keinem Verhältnis zu ihrem früheren Verdienst stand. Der wohlhabende Bauernstand, der 50 – 60 ha Land als Eigentum besass, musste die 30 ha übersteigende Fläche an sog. Junglandwirte abgeben, die lediglich nach dem Prinzip der Parteizugehörigkeit ausgesucht wurden und in den meisten Fällen überhaupt keine landwirtschaftlichen Erfahrungen besassen. Die aufgeteilte Bodenfläche betrug z.B. in Lettland über 50% des Bodens und betraf über 40 000 Höfe. Neugegründet wurden über 50 000 Wirtschaften. Durch diese Aufteilung wurde ein grosser Teil der bis dahin lebensfähigen Höfe dergestalt auseinandergerissen, dass dem Altlandwirt fast keine Wirtschaftsgebäude und kein Inventar mehr blieb, während der Neulandwirt wegen der ihm zugeteilten geringen Bodenfläche von 10 ha weder Wirtschaftsgebäude noch Inventar erhalten und ausnutzen konnte. Die Folge davon war, die Lebensunfähigkeit beider Höfe, da der Altwirt mangels Geräte und lebendem Inventar seinen Boden nicht intensiv bewirtschaften konnte, der Jungwirt dagegen zur Unterhaltung der grossen Wirtschaftsgebäude völlig verschuldete. Einen weiteren Schlag für die Landwirtschaft bedeutete die Verhaftung oder Verschleppung von 4 ½ Tausend Landwirten. Auch der Viehbestand wurde durch den Abtransport von rund 20% Arbeitspferden, 20% des Grossviehs, 15% der Schweine und 40% der Schafe stark dezimiert.

Ähnliche Enteignungsmassnahmen führten auch in der Wirtschaft einerseits zu Preiserhöhungen und andererseits zu einer Verminderung der Erzeugung. Schon im Jahre 1940 wurden sämtliche industriellen Unternehmungen nationalisiert, wobei zur Enteignung lediglich die Tatsache genügte, dass ein Betrieb in dem offiziellen Nationalisierungs-Verzeichnis enthalten war. In der Folgezeit wurden durch weitere Verordnungen auch mittlere und selbst kleinste Handwerksbetriebe enteignet. Eine besondere Erschwerung lag darin, dass lediglich die Aktiva übernommen wurden, wohingegen sämtliche Schulden, einschliesslich der für das laufende Jahr zu zahlenden Steuern und Mieten von dem ehemaligen Eigentümer bezahlt werden mussten. Dieser Umstand führte in allen Fällen noch zum Verlust des persönlichen Eigentums der Unternehmer, sodass sie ohne Existenz und völlig mittellos auf der Strasse standen. Die nationalisierten Privatunternehmen wurden als „sozialistische Unternehmen“ in besondere Verwaltungseinheiten – sog. Trusts -, die Handwerks- und Kleinbetriebe in sog. Industriekombinate zusammengefasst. Die Neuorganisation der Wirtschaft war ein sehr schwerfälliger, stark bürokratischer Apparat, der bis ins kleinste den Betrieben die zu treffenden Massnahmen vorschrieb. Dadurch wurde den verantwortlichen Leitern und den Arbeitern jede Initiative und Freude an der Arbeit genommen.

Eine weitere Beeinträchtigung und Schwächung der Arbeitslust und Arbeitsfreudigkeit wurde durch die Lohnregelung verursacht. Die Entlohnung erfolgte nicht nach dem Wissen und Können des Einzelnen, auch nicht nach der Verantwortung und Wichtigkeit der betreffenden Dienststellung, sondern wurde schemamässig nach bolschewistischen Grundsätzen festgelegt. So erhielt z.B. ein approbierter Arzt 30.-RM, nach 10jähriger Praxis wurde sein Gehalt auf 40.-RM erhöht. Andererseits verdiente ein ungelernter Kraftwagenfahrer mindestens ebenso viel, wenn nicht mehr. Ebenso nieder wurden auch die Betriebsleiter, hohen Staatsbeamten und Wissenschaftler bezahlt, sofern für sie Sowjet-Tarife massengebend waren.

Ähnlich entwickelte sich die Lage im Handel und Verkehr. So wurden z.B. von den 38 000 in Lettland bestehenden Handelsunternehmungen zu Beginn des Jahres 1941 über 20 000 nationalisiert. Dadurch entstand ein Mangel von Geschäften, der sich besonders bei der Verteilung von Nahrungsmitteln nachteilig bemerkbar machte und zu den lästigen Schlangenbildungen vor den Lebensmittelgeschäften führte, die trotz grosser Bemühungen bis heute noch nicht restlos verschwunden sind.

Weniger eingreifend, aber ebenfalls von grosser Bedeutung für das Leben der baltischen Völker waren die Veränderungen auf sozialem, kulturellen und finanziellem Gebiet, die durch das Sowjet-Regime eingeführt wurden. Der grösste Teil der sozialen Gesetze wurde aufgehoben, die Wohlfahrtsbehörden aufgelöst oder zum geringen Teil nach bolschewistischen Vorbild umorganisiert. Die Wochenbeihilfen und Entbindungszulagen wurden stark verringert, Krankenkassenbeiträge für Medizinen nicht mehr gezahlt. Die Pensionsgesetze wurden dem sowjet-russischen Muster angeglichen, nach dem die höchste Pension Rbl. 150,- beträgt; die Durchschnittspension wurde auf Rbl. 80,- bis 100,- herabgesetzt. Darüber hinaus wurde noch der grösste Teil der verantwortlichen lettischen Angestellten und Beamten, die pensionsberechtigt waren, aus dem Pensionsverzeichnis gestrichen.

Im Schulwesen brachte der Bolschewismus eine völlige Neuordnung mit sich. Die Schulbildung wurde geändert, statt der bisherigen 12jährigen trat die 10jährige Schulzeit; in den Grundschulen genügten statt bisher 7 Jahren 4 Jahre zur Ablegung der Schlussprüfung. Der wichtigste Lehrstoff war die sog. „marxistische Interpretation“. Sie sollte jeder Stunde den Stempel des Marxismus und Leninismus aufdrücken und aus jedem Wort des Lehrers zu hören sein. Eine weitere Störung des Schulwesens bildete die kommunistischen Pionier- und Jugendorganisationen, die an allen Schulen gegründet wurden. Der Leiter der kommunistischen Jugendorganisation war gleichzeitig der ideelle Leiter der Schule. Durch diese Organisation, verbunden mit einem Schüler-Selbstverwaltungs-Comitée wurde schon in den Schulen ein raffiniertes Spitzelsystem aufgebaut, vor dem weder Lehrer noch Schüler sicher waren. Durch Meldung dieser Organisation wurde eine Unmenge Schüler und Lehrer verschleppt, so z.B. in Lettland nach den offiziellen Zahlen des roten Kreuzes vom 15. September 1941 insgesamt rund 4 000 Schüler und über 400 Lehrer. Beschlossen, aber nicht zur Ausführung gelangte der Plan, 17 000 Knaben in sog. Fabrikschulen unterzugringen, wo sie in 6 Monaten zu Arbeitern und Technikern herangebildet werden sollten.

Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Bolschewisten dem Theater und der Presse. Obwohl eine Reihe von Theatern nach dem Einzug der Bolschewisten geschlossen wurde, wurde das Theaterpersonal im Durchschnitt verdoppelt. Aufgeführt wurden fast ausschliesslich kommunistische Stücke, die ausgesprochen propagandistischen Charakter trugen. Selbst vereinzelt aufgeführte Klassiker wurden im Textbuch in marxistischem Sinne „korrigiert“. Ähnlich ist die Entwicklung in der Presse, die ausschliesslich von Moskau gelenkt wurde. Sämtliche leitenden Stellen wurden von meist aus Russland mitgebrachten Bolschewisten besetzt, sämtliche Zeitungen und Zeitschriften zum Sprachrohr des Kommunismus gemacht. Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt waren lediglich Übersetzungen russischer Werke mit ausgesprochen kommunistischer Tendenz.

Das Steuersystem der Sowjet-Union, das sofort nach Einmarsch der Russen in Kraft trat, kennt zwei Grundsteuern: 1.) die Umsatzsteuer, die ung. 60% des gesamten Steueraufkommens beträgt, 2.) die Einkommenssteuer staatlicher Unternehmen, die ung. 15% der Budgeteinnahmen beträgt. Beide Steuern sind im Grunde Verbrauchssteuern. Mit ihrer Hilfe wird die Preisdifferenz zwischen den Gestehungskosten und dem amtlich bestimmten Verkaufspreis auf die Steuerkasse übertragen. Die Haupteinnahme der Verbrauchssteuer bildet vor allem Brot, dessen Verkaufspreis um 90% über den Gestehungskosten lag. Da das sowjetische Steuersystem vollkommen zentralisiert ist und nur ein einziges Staatsbudget für das gesamte Territorium der UdSSR aufgestellt wird, konnte den wirtschaftlichen Verschiedenheiten der drei baltischen Staaten nicht Rechnung getragen werden, sodass z.B. Litauen die gleichen Steuergesetze wie Lettland hatte, obwohl Lettland bei geringerer Einwohnerzahl eine über doppelt so grosse Industrie besitzt. Auf Grund dieser Unterschiede stiess die sowjetische Steuergesetzgebung auf se grosse Schwierigkeiten, dass sie nur zum kleinen Teil praktisch durchgeführt werden konnte.

Aufrecht erhalten wurde die Sowjetregierung in den baltischen Staaten durch eine ausgesprochene Terrorherrschaft, die jeden Widerstand mit den brutalsten Mitteln sofort im Keime erstickte. Ein bis ins kleinste ausgebautes Spionage- und Spitzelsystem, das über das ganze Land verteilt war und mit Erpressungen und Geld aufrecht erhalten wurde, sorge dafür, dass keine Widerstandbewegung Fuss fassen konnte. Wer eine Kritik an der bolschewistischen Staatsführung oder auch nur an der kommunistischen Idee äusserte, wurde sofort unschädlich gemacht. So sind im Laufe des einen Jahres der bolschewistischen Herrschaft nach den Feststellungen des lettischen Roten Kreuzes vom 1. Oktober 1941 im Gebiet des ehemaligen Freistaats Lettland ungefähr 14 000 Personen verschleppt, 5 000 verhaftet worden und 9 000 verschollen.

Über das weissruthenische Gebiet liegen noch keine Angaben vor, da es erst vor kurzer Zeit von der Einsatzgruppe A übernommen wurde. Über die dortigen Verhältnisse wird auf den Bericht der Einsatzgruppe B verwiesen, zu deren Einsatzbereich Weissruthenien bis vor kurzem gehörte.

Die Lage auf den Lebensgebieten.

Der von der Einsatzgruppe A zu bearbeitende Raum umfasst die ehemaligen Freistaaten Litauen, Lettland und Estland, das Gebiet Weissruthenien mit Minsk und Baranowitschi und den später zu Lettland und Estland kommenden Raum östlich der lettisch-estnischen Grenze bis zu den Valdaihöhen, Ilmensee und den Vorstädten von Petersburg. Dieser Raum ist ethnologisch, geschichtlich und wirtschaftlich sehr verschieden.

Die drei baltischen Staaten und der Raum zwischen Peipus- und Ilmensee wurden von der Einsatzgruppe A gleichzeitig mit den vordersten Linien der deutschen Truppen erreicht und bearbeitet. Wilna, Minsk und Baranowitschi wurden von der benachbarten Einsatzgruppe später übernommen.

Die Zivilverwaltung erstreckt sich zur Zeit auf das Generalkommissariat Litauen mit dem Freistaat Litauen und dem Wilnagebiet, das Generalkommissariat Lettland und das Generalkommissariat Weissruthenien mit Minsk und Baranowitschi. Estland und der Raum südlich der Ilmensee sind noch rückwärtiges Heeresgebiet, das Gebiet östlich des Peipussees und nördlich des Ilmensees noch Operationsgebiet.

Allgemein lässt sich für das gesamte Gebiet sagen, dass die Lage noch sehr unklar ist, und dass die deutschen Verwaltungsstellen selbst über die zukünftige Verwaltungsform und das Schicksal der in dem Raum lebenden Völker nicht informiert sind. Darum ist auch auf allen Verwaltungsgebieten einschliesslich der Wirtschaftsverwaltung keinerlei zielbewusstes Arbeiten zu spüren, und die Massnahmen und Auskünfte der einzelnen Verwaltungsdienststellen widersprechen sich häufig in krassester Form. Dem objektiven Blick bietet sich ein Bild der Uneinheitlichkeit, das Fehlen jeder Richtlinien und ein grosser Mangel an Vorbereitung der deutschen Verwaltungsdienststellen und ihrer Angehörigen auf ihre Aufgaben. Auch der einheimischen Bevölkerung bleibt dieses Bild nicht verborgen und Aussprüche wie z.B.: „Die Deutschen können erobern, aber nicht regieren“ sind keine Seltenheit.

Der wesentlichste Nachteil dieser Unklarheiten in der politischen Führung besteht darin, dass 1.) sich innerhalb der einheimischen Bevölkerung in allen Generalkommissariaten immer wieder Gruppen bilden, die sich an bestimmte Dienststellen anhängen und die versuchen, eine Dienststelle gegen die andere auszuspielen, und 2.) die willigen und zweifellos vorhandenen Kräfte – insbesondere bei den hochstehenden Völkern der baltischen Staaten – sich zersplittern und, besonders in der Wirtschaft, nicht in allen Möglichkeiten ausgenutzt werden.

Dass der Reichskommissar für das Ostland anstatt der erwarteten grosszügigen Wiederaufbau-Massnahmen Verordnungen über die Bezugsscheinpflicht von Filzschuhen udw. erlässt und veröffentlicht, hat in weiten Kreisen grosse Enttäuschung und z.Tl. Spott hervorgerufen.

Aber auch die Verordnungen über die Versorgung der Bevölkerung, Preisgestaltung usw. haben selten ihren Zweck erreicht. Vor allen Dingen haben sich die allgemeinen Lebensverhältnisse der grossen Masse der Bevölkerung bisher nicht geändert.

  1. Die Lage in Litauen:

Da der Bevölkerung in keiner Weise Aufklärung über ihr zukünftiges Schicksal erteilt worden ist, bewegt sich der national denkende Teil durchaus noch in der Vorstellung einer kommenden litauischen Eigenstaatlichkeit mit einer gewissen Abhängigkeit vom Grossdeutschen Reich. Irgend eine Bestrebung, das litauische Volk an die germanischen Völker heranzuführen und eine Zukunftsvorstellung ohne Eigenstaatlichkeit ist nicht zu spüren. Die Begeisterung, mit der die deutschen Truppen begrüsst worden sind, ist zwar keineswegs in das Gegenteil umgeschlagen, sondern die Deutschfreundlichkeit des Grossteils der litauischen Bevölkerung wird immer wieder und zweifellos auch aus ehrlichem Gefühl betont. Die Versuche, den Anteil der litauischen Bevölkerung am Befreiungskampf zu übertreiben und die Bedeutung ihrer Aufstände für die schnelle Durchführung der Operationen in den Vordergrund zu stellen, sollen zweifellos zu einem politischen Zweck führen. Mit der Tatsache, dass etwa 4.000 Litauer im Kampf gegen den Bolschewismus gefallen sind, wird ständig operiert. In der nationalen Jugend und den Resten des Offizierskorps besteht der ehrliche Wunsch, aktiv an der Seite der deutschen Truppen am Krieg teilzunehmen. Sie empfinden sich gegenüber anderen Völkern zurückgesetzt, weil sie glauben, mehr Recht zur Teilnahme am Kampf gegen den Bolschewismus zu haben als diese.

Der seit der Besetzung Litauens durch deutsche Truppen schnell aufgeflammte tätige Antisemitismus hat nicht nachgelassen. Zu allen Massnahmen gegen Juden stellen sich Litauer gern und unermüdlich zur Verfügung, z.Tl. führen sie heute noch eigenmächtig solche Massnahmen durch.

Von irgend einer Seite ist bisher irgend ein Auffangen der z.Tl. untätigen aktiven nationalen Jugend nicht geschehen. Nach dem Verbot der nationalen Aktivisten gibt es nationale Organisationen nicht mehr. Auf die Dauer besteht damit die Gefahr, dass diese jungen Kräfte wieder zu demokratischen Anschauungen getrieben werden oder unkontrollierbaren anderen politischen Einflüssen erliegen.

Die deutschen Verwaltungsbehörden des Generalkommissariats Litauen bedienen sich der z.Tl. noch bestehenden litauischen Behörden fast garnicht. Die Verwaltungsarbeit wird bis in die untersten Stufen von Deutschen selbst erledigt. Die eingesetzten Generalräte, von denen sehr wohl eine Verwaltungsarbeit unter deutscher Kontrolle geleistet werden kann, sind zum Nichtstun verurteilt oder höchstens mit Uebersetzungen beschäftigt Aus der litauischen Beamtenschaft taucht auch immer wieder die naheliegende Frage auf, ob denn überhaupt das Deutsche Reich so viele Menschen abgeben könne, um die gesamte Verwaltung bis in die untersten Stufen von Deutschen durchführen zu lassen.

Inzwischen ist in Litauen in den Volks- und Mittelschulen der Unterricht wieder aufgenommen worden. Der deutsche Sprachunterricht wurde obligatorisch eingeführt, ausserdem finden in allen grösseren Städten deutsche Sprachkurse in den Abendstunden statt, die sich eines regen Besuches erfreuen. Diese Sprachkurse finden in allen drei baltischen Ländern statt und sind überall gleich stark besucht. Auch die Rundfunksender erteilen deutschen Sprachunterricht.

Die Universität Kaunas nimmt Studierende nicht mehr auf, und die deutsche Verwaltung beabsichtigt, nur noch die nächsten drei Semester weiterzuführen und dann die Universität ganz zu schliessen.

An den beiden Universitäten studierten im vergangenen Wintersemester über 4.000 Personen, das Lehrpersonal bestand aus etwa 250 Personen. Die Kauener Universität war von jeher eine Hochburg nationalen Chauvinismus und zumal die geisteswissenschaftlichen Fakultäten Stätten deutschfeindlicher Gesinnung. Es ist ferner ein Charakteristikum der litauischen studierenden Jugend, dass ein wesentlicher Prozentsatz das Studium nicht beendet und als Halbintelligenz, aber mit den Aspirationen eines Akademikers, das untere Beamtenkorps stellt. In die freie Wirtschaft, in Handel und Gewerbe ging die Jugend so gut wie gar nicht, da diese fast ausschliesslich in Händen der Juden lag. Es ist daher eine dringliche Aufgabe der Zukunft, die litauische Jugend in Handel und Gewerbe zu leiten und sie vom Hochschulstudium abzubiegen. Zu diesem Zwecke muss dem Ausbau des Fachschulwesens besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Die geisteswissenschaftlichen Fakultäten sollten gänzlich geschlossen werden. Dagegen besteht das Bedürfnis, die medizinische Fakultät sowie einige Sparten der technischen weiter zu belassen. Ueber 80 % der Zahnärzte waren Juden, über 50 % der anderen Aerzte ebenfalls. Deren Ausfall führt zu einem ausserordentlichen Mangel an Aerzten, der auch nicht annährend durch Zuzug aus dem Reich behoben werden kann.

Der für Litauen notwendige Ausbau des Verkehrsnetzes verlangt ebenfalls geschultes Personal, sodass auch die technische Fakultät bestehen bleiben müsste. Die Weiterbelassung der Veterinär-Akademie und der Landwirtschaftlichen Hochschule sind bei dem ausgesprochenen landwirtschaftlichen Charakter Litauens gleichfalls eine Notwendigkeit.

Die Schliessung der beiden Universitäten bis auf die medizinische und die technische Fakultät würde in der litauischen Oeffentlichkeit keine beonsere Reaktion hervorrufen, zumal wenn sie hinreichend auf die Erwerbsmöglichkeiten in der gesamten übrigen freien Wirtschaft hingewiesen wird, und ein gleiches in Lettland und Estland geschieht.

Von litauischer Seit wird z.Tl. darauf hingewiesen, dass die Schliessung der Universitäten als eine Massnahme betrachtet würde, durch die Deutschland Litauen seine Eigenkultur nehmen will. Um diesen Eindruck zu vermeiden, könnte an die Errichtung eines Germanistikums gedacht werden, in dessen Rahmen auch die litauische Sprachforschung einen entsprechenden Platz einnehmen könnte. Die Aufgabe des Germanistikums wäre in besonderem Masse die Heranbildung des Lehrerpersonals, indem auch die Volksschullehrer einige Semester des Germanistikums besuchen müssten.

Die litauische Bevölkerung hat im allgemeinen von der deutschen Verwaltung erwartet, dass sie sofort alles aufheben würde, was der Bolschewismus an Gesetzen, Verwaltungs- und Wirtschaftsmassnahmen usw. eingeführt hat. Ein Teil der bolschewistischen Gesetze wurde von der im Anfang bestehenden nicht anerkannten provisorischen litauischen Regierung ausser Kraft gesetzt. Die deutsche Verwaltung hat nun den grössten Teil der sowjetrussischen Gesetze in rechtlicher und formeller Hinsicht belassen und auch Verfügungen der provisorischen litauischen Regierung anulliert. Der intelligente Litauer weist darauf hin, dass es schwer ist, Verständnis dafür zu haben, dass das Grossdeutsche Reich einerseits auf Leben und Tod gegen den Bolschewismus, seine Ideologien und Einrichtungen kämpft und andererseits vom Bolschewismus erlassene Gesetze und Systeme übernimmt. Mit Unterstützung der in den besetzen Gebieten immer noch Eingang findenden Feindpropaganda verbreitet sich die Meinung, dass Deutschland nicht in erster Linie einen weltanschaulichen, sondern einen Eroberungskrieg führt.

Die Ernährungslage in Litauen ist auf dem Lande gut, in den Städten aus verschiedenen Gründen ausserordentlich schwierig. Die zur Verfügung stehenden Transportmittel reichen bei weitem nicht aus. Ebenfalls sind die Verteilungsstellen viel zu gering. Die rationierten Lebensmittel sind auch auf Karten nur nach stundenlangem Anstehen zu erhalten, und die Stimmung der vor den Geschäften anstehenden Bevölkerung ist in Bezug auf diese Frage in den Städten ausserordentlich schlecht. Die Menschenschlagen sind der Herd der destruktiven Propaganda und Gerüchtemacherei.

Die Preiserhöhung für landwirtschaftliche Produkte hat ihren Zweck nicht ganz erfüllt. Der Bauer hat kaum eine Möglichkeit, für den Ertrag seiner Erzeugung Einkäufe zu machen, da er weder landwirtschaftliche Maschinen noch Kleidungsstücke noch Geräte u.dergl. bekommt. Wie im gesamten Gebiet der Einsatzgruppe A ist der Bauer sehr dem Tauschhandel geneigt und versucht, seine Produkte gegen Waren abzugeben.

Die Erhöhung der Preise für landwirtschaftliche Produkte macht sofort das Problem der Lohnfrage aktuell. Die Löhne wurden ganz generell um 24,- RM im Monat erhöht, für Stundenarbeit wurde entsprechend diesem Index eine besondere Ziffer gefunden. Diese Lösung der Lohnfrage hat dazu geführt, dass alle im festen Angestelltenverhältnis Lebenden, besonders die kleinsten Angestellten, einen erheblichen Vorteil vor den Stundenarbeitern geniessen. Die Sowjets koppelten seinerzeit den Lohn mit der Menge der erzeugten Güter und kamen dadurch auf einen ganz bestimmten Grundpreislohn, der aber leistungsmässig von den Arbeitern bequem übertroffen, in vielen Fällen sogar verdoppelt und verdreifacht werden konnte, sodass viele Arbeiter durch die seinerzeit erfolgte Lohnstopverordnung, die ihnen als regelmässiges Einkommen lediglich den von den Sowjets festgesetzten Grundlohn zubilligte, in den meisten Fällen nur etwa 80 % und oft weniger als die Hälfte verdienten als zu Zeiten der Russenherrschaft. Viele Arbeiter, die seinerzeit voll beschäftigt waren, können heute nur noch als Kurzarbeiter beschäftigt werden, erreichen also nicht ihre normale Stundenzahl und erreichen folglich auch niemals einen Zuschlag in Höhe von 24.- RM. Da es sich bei diesen Arbeitern meistenteils noch um besonders geschulte Facharbeiter handelt, stehen sie sich ausserdem noch schlechter als die ungelernten Arbeiter, da diese ja naturgemäss ihre volle Stundenzahl erreichen. Die litauische Arbeiterschaft weist mit  Recht darauf hin, dass sie durch diese Lohnpolitik unverdientermassen schlechter behandelt würde als andere Berufsgruppen und erwartet schon aus den Erwägungen der allgemeinen Gerechtigkeit heraus eine baldmöglichste Aenderung auf diesem Gebiet.

  1. Die Lage in Lettland:

Die Neuordnung der politischen Verhältnisse in Estland, wo unter der Führung von Dr. Mae ein estnisches Selbstverwaltungsorgan mit weitgehenden Befugnissen erfolgreich arbeitet, ist allmählich auch in Lettland bekannt geworden. Unwillkürlich werden daher Vergleiche zur politischen Lage in Lettland gezogen, wobei man nicht versteht, wieso Esten und Letten eine so unterschiedliche Behandlung erfahren. Die Schlechtstellung der Letten hat zu weitgehender Beunruhigung in der lettischen Bevölkerung geführt. Sie wird darüber hinaus durch eine Reihe von Vorkommnissen genährt, die als ein weiterer Abbau der Reste der lettischen Selbstverwaltung gewertet werden. Es handelt sich dabei nicht allein um die unglückliche Stellung des Generaldirektoriums für innere Verwaltung und Personalfragen unter General Dankers, sondern auch um die verbliebenen lettischen fachlichen Instanzen, wie z.B. die Direktionen für Handel, Industrie und Landwirtschaft, Verkehrswesen usw., deren Tätigkeit nach und nach praktisch unterbunden wird. Teils geschieht dies durch das Einsetzen deutscher Ressortsleiter, wie z.B. für das Postdirektorium, oder dadurch, dass mehrere Grossbetriebe aus der Zuständigkeit des Industriedepartements herausgenommen und entweder der Wehrmacht oder der neugegründeten „Ostfaser GmbH“ unterstellt werden.

Die Gründung dieser neuen Monopolgesellschaft hat besonders die Stimmung in lettischen Wirtschaftskreisen wesentlich beeinträchtigt, da eine Ausschaltung der Letten aus dem Wirtschaftsleben befürchtet wird. Zugleich sieht man darin aber auch eine politische Massnahme, umsomehr als auch der grosse landwirtschaftliche Genossenschaftsverband „Turiba“ einen deutschen kommissarischen Leiter erhalten hat.

Eine besonders ungünstige Auswirkung auf die allgemeine Stimmung zeitigte die Beschlagnahme des Hauses des „Lettischen Vereins“, in dem sich gegenwärtig das Generaldirektorium befindet und das als Offizierskasino eingerichtet werden soll. Es geht hierbei nicht so sehr um die Unterbringungsfrage für das Generaldirektorium, das durch diese Heraussetzung zweifellos eine weitere Einbusse seiner bereits stark erschütterten Autorität erleidet, sondern um das Haus selbst. Das Haus des Lettischen Vereins ist immer ein Symbol der nationalbewussten Letten gewesen, wobei darauf hingewiesen werden muss, dass gerade die Kreise vom Lettischen Verein eine gewisse Verbundenheit mit den früher in Lettland ansässigen Deutschen gezeigt und sich zum westlichen Kulturkreis bekannt haben. Dem Lettischen Verein gehörten seit Gründung eine Reihe von angesehenen Letten an, deren geistige Ausrichtung wesentlich durch das deutsche Vorbild beeinflusst war. Es waren dies vornehmlich sogenannte „anständige Letten“. Umsomehr erscheint die Enteignung dieses Hauses, das zudem aus rein lettischen Mitteln errichtet worden ist, als eine Herausforderung, die gerade auf die deutschfreundlichen Kreise Lettlands eine niederschmetternde Wirkung ausübt und noch ausüben wird.

In den Kreisen der ehemaligen lettischen Wehrmacht und der Jugend wird als besonders schmerzlich empfunden, dass den Letten, von geringen Ausnahmen, die von der Sicherheitspolizei gemacht wurden, abgesehen, keine Gelegenheit gegeben wird, im Kampf gegen das bolschewistische Russland anzutreten.

Der aus Berlin zurückgekehrte bekannte Perkonkrustler Celmins verbreitete in Riga die Nachrichte, dass es ihm gelungen sei, die Aufstellung einer lettischen Division in Berlin durchzusetzen. Die Genehmigung sei sowohl vom OKW als auch vom Reichsführer-SS und dem Ostministerium erteilt. Ungeklärt sei noch die Frage, ob diese Division im Verbande der Wehrmacht oder der Waffen-SS aufgestellt würde. Celmins macht zweifellos mit dieser Nachricht in seinen Kreisen Propaganda für seine Person und die Perkonkrust-Bewegung.

Die letzten grossen Erfolge der deutschen Wehrmacht im Osten haben die Stimmung des lettischen Volkes günstig beeinflusst. Die Leistungen der deutschen Soldaten werden allgemein anerkannt und bewundert.

Die Schwäche des Generaldirektoriums für innere Verwaltung und Personalfragen und die in der Öffentlichkeit bekannte Ablehnung des Generalkommissars, mit dieser Stelle eng zusammenzuarbeiten, hat einen verstärkten Zusammenschluss der Kreise um den ehemaligen lettischen Finanzminister Valdmanis, der jetzt als Oberstaatsanwalt fungiert, zur Folge gehabt. Es handelt sich hierbei um Letten aus der früheren Beamtenschicht aus der Ulmaniszeit und um lettische Wirtschaftskreise, die aus dem schon unter Ulmanis verstaatlichten Teil der Industrie kommen. Durch die vorübergehende Tätigkeit Valdmanis´ als Vertrauensmann in Wirtschaftsangelegenheiten beim Befehlshaber des rückwärtige Heeresgebietes sind diese Personen wieder als Direktoren für führende Unternehmungen und in lettischen Wirtschaftsstellen tätig. Zu diesem Kreis gehören u.a. der frühere Direktor der Bank Lettland Klive, Industrie-Direktor Bulle [?] und der Preisinspektor Kikut. Der lettische Vertrauensmann von Dr. Kemna, Zegars, gehörte auch zu diesem Kreis, hat sich aber scheinbar mit seinen früheren Kollegen verfeindet. Allerdings ist anzunehmen, dass er nach wie vor dieser Clique angehört und sich nur – mit stillem Einverständnis von Valdmanis – stärker an die deutschen Behörden anlehnt, um so über Vorgänge, die von Dr. Kemna bearbeitet werden, gut unterrichtet zu sein.

Der Generalkommissar ist ebenso wie sein Stabsleiter Bönning sich verschiedentlich dahingehend geäussert, dass er an eine Mitarbeit lettischer Verwaltungsstellen nicht glaube, sondern überzeigt sei, dass von Berlin aus die Besetzung der gesamten Verwaltung mit deutschen Beamten beabsichtigt sei. Der sich zur Zeit in Riga aufhaltende Baltendeutsche Harald Sievert, ein enger Vertrauter Rosenbergs, der seit langem in der Reichsleitung mitarbeitet, hat dagegen hier in Riga wiederholt erklärt, dass er es für richtig halte, die untere Verwaltung den Letten selbst zu überlassen, und durch die deutschen Stellen nur eine Kontrolle durchzuführen.

Vom Generalkommissar ist in der Berichtszeit die Anweisung ergangen, dass die Volksschulen am 15. Oktober ihre Arbeit aufzunehmen haben. Aus der Provinz wird gemeldet, dass fast sämtliche Schulen ihre Arbeit, was Lehrkräfte, Lehrbücher und Schulräumlichkeiten anbelangt, werden aufnehmen können. Schwierigkeiten bestehen angeblich nur in Rositten. Dort sind neben 12.000 Einwohnern ca. 15.000 Mann Wehrmacht einquartiert.

In Riga sollen 60 Schulen die Arbeit aufnehmen, von denen aber 12 nicht arbeiten, weil die Wehrmacht die Räume besetzt hat. Auch die übrigen andere Schulen sind bei der starken Belegung durch Wehrmacht gezwungen, den Unterricht in Vor- und Nachmittagsschichten abzuhalten.

Vom Generalkommissar sind 33 Schulbücher zugelassen, davon sind 20 bereits gedruckt. Deutsch wird von der 2. Klasse an als Lehrfach gegeben, in den oberen Klassen sind 5 bis 6 Stunden wöchentlich vorgesehen. Die deutschen Sprachkurse verlaufen befriedigend. Es ist vorgesehen, laufend ergänzende Fortbildungskurse zu veranstalten.

Der Generalkommissar hat die Anweisung gegeben, die nötigen Vorarbeiten für die Eröffnung der Gymnasien in Angriff zu nehmen.

Die russische Volksgruppe hat dem Reichskommissar ein Memorandum eingereicht mit der Bitte, auch den russischen Schulen die Aufnahme der Arbeit zu gestatten. Der Reichskommissar will seine Zustimmung geben, falls der Generalkommissar die Aufsicht übernimmt.

Die lettische Universität hat alle Vorarbeiten erledigt und kann jeden Augenblick die Vorlesungen beginnen. Es haben etwa 800 Studenten kaum nachgesucht, ihre Abschlussprüfung ablegen zu dürfen. Die Universität hat etwa 400 Neuaufnahmen registriert.

Die Propagandastaffel setzt ihre Vorträge über den Nationalsozialismus in der Universität fort. Die Zuhörer, Lehrkörper und Studenten zeigen reges Interesse.

In Gerichtskreisen wird die endgültige Bestätigung der Ämter erwartet. Man hofft, dass auch jüngeren Kräften die Gelegenheit zur Arbeit geboten wird, um den fühlbaren Mangel an Juristen in der Provinz zu steuern. In den Kreisen der Richter und Staatsanwälte wird der Vermutung Ausdruck gegeben, dass in allernächster Zeit die Ämter von deutschen Juristen besetzt werden und die lettischen Richter und Staatsanwälte in den besetzten Gebieten in Russland zum Einsatz kommen sollen. Ein Teil der lettischen Juristen scheint nicht abgeneigt zu sein, im besetzten Russland tätig zu werden.

Die Gehalts- und Arbeitsverhältnisse der lettischen [Aerzte?] lassen immer noch viel zu wünschen übrig. Auch heute noch beziehen Aerzte die Gehälter wie zur Bolschewistenzeit. Ein Arzt mit vollendeter Universitätsausbildung bezieht für einen vollen Komplekt d.h. 5 Arbeitsstunden in einer Poliklinik und Hausvisiten, 30.- RM monatlich. Nach fünfjähriger Praxis 35.- RM, nach zehn- und mehrjähriger Praxis 40.- RM. Die Direktoren der Krankenhäuser beziehen je nach Zahl der Betten ein höheres Gehalt. Zu diesen Gehältern tritt der jetzt eingeführte Teuerungszuschlag im Betrage von 24.- RM. Um existieren zu können, müssen sich die lettischen Aerzte noch Arbeit in einer anderen Poliklinik suchen und einen zweiten Arbeitskomplekt übernehmen, d.h. 12 und mehr Stunden täglich arbeiten. (Ein unqualifizierter Kraftwagenfahrer dagegen verdient heute 74.- RM).

Die von den Bolschewisten eingeführte Heilordnung in den Polikliniken und die Verabfolgung von Krankheitsunterstützungen ist schlecht und unzureichend. Sie bedürfen dringend einer Änderung. Das gleiche gilt für die Medikamentenfrage. Die Apotheken, vor allem in der Provinz, sind ohne Heilmittel.

Am 5.10.41 wurde die in Lettland in russischer Sprache erscheinende Zeitung „Slovo“ verboten. Da die Herausgabe einer Zeitung in russischer Sprache im Hinblick auf den starken nur russisch sprechenden Bevölkerungsteil in einigen Teilen Lettgallens und in Riga unbedingt notwendig ist, werden zur Zeit Verhandlungen über eine neue russische Zeitung geführt.

Neuerdings versucht eine neue Kulturbehörde, deren lettische Leitung in Riga, General Hutier-Str. 3, ihren Sitz hat und die sich in Anlehnung an die „Kraft durch Freude“-Organisation in Deutschland „Erholung und Lebensfreude“ nennt, aktiv in Erscheinung zu treten. Diese Institution hat als deutschen Leiter einen Herrn Drossel, der als KdF-Gauwart in Deutschland gearbeitet haben soll und zur Zeit in der Wirtschaftsinspektion tätig ist.

Die lettischen Leiter für die einzelnen Abteilungen dieser Kulturbehörde sind:

Grinberg. …. Leiter der Kultur-Abteilung Mednis, Dirigent .. Referent für Musik

Lapenieks, ehem. Filmregisseur .. Referent für Film- u. Theaterwesen

Pakulis .. .Leiter für die Abteilung Kunst und Veranstaltungen.

Die Organisation „Erholung und Lebensfreude“ trägt sich mit der Absicht, ein lettisches Volkstheater zu gründen. Das Theater soll sich dann aus folgenden drei Abteilungen zusammensetzen:

  1. Kinder-Theater
  2. Wanderbühne
  3. Standort-Theater Riga.

Herr Drossel ist bereits durch die Eröffnung des Frasquita-Varietes bekannt geworden. Die Darbietungen dieses Theaters sind minderwertig. Herr Drossel beabsichtigt ein weiteres grosses Variete in Riga zu eröffnen. Das Niveau wird wahrscheinlich noch schlechter sein, da geeignete Kräfte fehlen.

Wie von der Propagandastaffel gemeldet wird, scheint von deutscher Seite die Absicht zu bestehen, in Riga zwei deutsche Bühnen zu errichten. So soll die Rigaer Oper bei teilweiser Beibehaltung des lettischen Künstlerpersonals als deutsche Bühne eröffnet werden. Den Letten soll die Erlaubnis erteilt werden, ein Nationaltheater zu eröffnen.

Am 5.10.41 fand in der Aula der Rigaer Universität ein Konzert des Reiter-Chores unter persönlicher Mitwirkung des Chordirigenten Reiter statt. R. beherrschte seinen Chor so gut, dass er auch die feinste musikalische Nuancierung vollendet zum Ausdruck brachte. Das Publikum, neben den Spitzen der Militär- und Zivilbehörden zum grossen Teil Wehrmachtsangehörige und lettische Intelligenz, spendete lebhaften Beifall und zwang den Dirigenten zu wiederholten Zugaben.

Die am 8.10.41 in der Rigaer Oper stattgefundene Premiere des „Fliegenden Holländers“ war ein grosser Erfolg. Die Aufführung bot in musikalischer, chorischer, bühnenbildnerischer und gesanglicher Hinsicht eine hervorragend abgerundete Gesamtleistung. Besonderen Anteil erwarb sich der Dirigent Reiter in der souveränen Beherrschung des erweiterten Orchester-Apparates, des Chors und der Gesangsolisten. Die Opernaufführung, welche zum ersten Male völlig deutsch gesungen wurde und sprachlich gut verständlich war, wurde von den anwesenden deutschen Wehrmachtsangehörigen und dem lettischen Publikum mit reichem Beifall bedacht.

Das am 9.10.41 in der Rigaer Oper aufgeführte Sinfoniekonzert, an welchem auch der bekannte deutsche Kammer-Virtuose Prof. Freund aus Berlin in einem Violinkonzert in hervorragender Weise teilnahm, stand völlig im Zeichen des grossen deutschen Tonheroen Beethoven. Die Leistungen des aus dem Opern- und Rundfunkorchester zusammengefassten Orchesterapparates unter der temperamentvollen Führung des jungen lettischen Dirigenten Wiegner waren als sehr gut zu bezeichnen. Das Publikum spendete während der musikalischen Darbietungen viel Beifall, der sich zum Schluss bei der gelungenen Interpretation der 5. Sinfonie Beethovens zu einem Begeisterungssturm steigerte.

Am 13.10.41 fand in der Aula der Rigaer Universität ein Kammermusikabend des Rigaer Konservatoriums statt. Zur Aufführung gelangten Werke von Mozart, Beethoven, Brahms und Bach. Die Gesamtleistung der Mitwirkenden kann als gut bezeichnet werden. Etwas missverstanden wurde der Violinpart in der Matthäus-Passion von Bach. Hier schien der ausübende Geiger den deutschen Meister Bach vollkommen entstellt als eine Art russische Romanze vorzutragen.

Die Darbietungen der beiden Veranstaltungen „Erholung und Lebensfreude“ am 11.10 und 13.10 in der Wallstrasse und in der Rigaer Oper waren im allgemeinen als durchschnittlich zu bezeichnen. Man merkte besonders bei den chorischen und musikalischen Vorträgen, dass hier keine Berufskünstler mitwirkten. Die Darbietungen waren  fast durchweg dilettantenhaft. Lediglich einzelne Angehörige des Rigaer Opernballetts und einige Berufskünstler zeigten grösseres Können.

Im Mitauer Theater wurde mit gutem Erfolg Kalderons „Lügner“ aufgeführt.

Das Libauer Theater hat seine Tätigkeit ebenfalls schon aufgenommen.

Die Verwaltungsarbeiten für die Eröffnung des Dünaburger Theaters sind in vollem Gange. landwirtschaftlichen Sektor unter Beteiligung des Reichsnährstandes und der Reichsgruppe Handel eine weitere Monopolgesellschaft im Entstehen begriffen ist, und zwar die “Ostland-Handels GmbH”, die wiederum eine Tochtergesellschaft der Osthandels GmbH ist. Diese Gesellschaft soll u.a. die landwirtschaftliche Zentralgenossenschaft „Turiba“ übernehmen. Mit der Gründung dieser und auch weiterer Monopolgesellschaften würden die wichtigsten Wirtschaftszweige im ehemaligen Lettland von deutschen Gesellschaften übernommen. Dabei herrscht bei den Letten vielfach Unklarheit, wieweit die Letten als Mitarbeiter herangezogen werden.

Nach hier vorliegenden Mitteilungen sollen die Verwaltungen und Belegschaften der einzelnen Werke möglichst unberührt bleiben. Die lettischen Fabrikdirektoren und Betriebsleiter sollen – sofern die fachlichen Voraussetzungen gegeben sind – weiter auf ihren Posten belassen und von der Ostlandfaser übernommen werden.

Die Unzahl von Gerüchten, die im Zusammenhang mit der „Ostland“ verbreitet werden, sind nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass von der Presse keine näheren Erläuterungen zur Gründung der Ostland-Faser gegeben wurden. Den interessierten lettischen Kreisen ist z.B. unbekannt, dass die „Ostlandfaser“ nicht ein Unternehmen reichsdeutscher Privatinteressen, sondern ein Unternehmen des Vierjahresplanes ist.

Die ablehnende Haltung der Letten ist hauptsächlich dadurch zu erklären, dass sie sowohl ihre leitenden Posten in den betreffenden Industriezweigen als auch ihren Einfluss auf die örtliche Industrie zu verlieren glauben. Zur ersten Befürchtung muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass gerade die Werke, die durch die „Ostlandfaser“ erfasst werden, bis vor wenigen Jahren – von einigen Ausnahmen abgesehen – gar nicht im lettischen Besitz waren, sondern Deutschen, Juden oder Engländern gehörten. Besonders nach der Umsiedlung der Baltendeutschen haben die Letten die früheren deutschen Betriebe übernommen und sind so mühelos zu guten Einnahmen gekommen. Da die Letten im allgemeinen als Unternehmer wenig Initiative aufweisen, wurde die Grossindustrie schon vor der Bolschewisierung in der Form von Aktiengesellschaften, die Monopolcharakter hatten und an denen der Staat massgebend beteiligt war, von den Letten organisiert. Aus diesen Gründen ist der Einwand lettischer Kreise, dass man den früheren Unternehmern die Möglichkeit einer Privatisierung nehme, im allgemeinen nicht zutreffend. Der zweite Einwand, dass mit der Gründung der Monopolgesellschaften den Letten die letzte Möglichkeit einer Teilnahme an der Selbstverwaltung auf dem Wirtschaftssektor genommen wird, ist im grossen und ganzen richtig. Durch die noch bestehenden Industrie- und Handelsdirektionen haben die Letten, die mit den Landesverhältnissen vertraut sind, einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum Wiederaufbau der hiesigen Industrie geben können. Dadurch, dass die neuen Monopolgesellschaften aus der Zuständigkeit der Industrie- und Handelsdirektionen herausgehoben werden, wird tatsächlich dieser lettischen Selbstverwaltungsinstanz der Boden entzogen. Dieser Umstand hat bereits dazu geführt, dass der Leiter der Gruppe Handwerk in der Industriedirektion Lettwich und der Leiter der Industriedirektion Schwanks[?], die sich bisher vom Generaldirektorium bewusst distanzierten und eine Einmischung von Freimanis in ihren Dienststellen mit Unterstützung von Dr. Kemna ablehnten, neuerdings versuchen, die Fühlung mit Freimanis aufzunehmen. Sie haben sich dabei mit dem Stellvertreter von Dr. Kemna in der Versorgungs- und Verteilungsstelle, dem Letten Zagars[?] überworfen, da sie der Ansicht sind, dass Z. die lettischen Belange nicht genügend vertreten habe.

Bei den früheren Besitzern der Kleinindustrie und der Handwerksunternehmungen, die jetzt meist als Angestellte den Betrieb weiterführen, macht sich die Tendenz bemerkbar, mit allen Mitteln die Reprivatisierung zu erreichen.

Wenn von vielen Seiten bisher die ungenügenden Transportmöglichkeiten als Ursache für die schlechte Marktbelieferung Rigas angesehen wurden, so kann dem nach den neueren Erfahrungen nicht mehr zugestimmt werden. Die Verhältnisse im Güterverkehr haben sich seit September wesentlich gebessert. Die Zahl der beladenen Wagone hat sich auf 400 täglich erhöht (ohne Wehrmachtstransporte). Wenn diese Zahl auch weiter unter der Normalzahl liegt, so konnte dennoch beobachtet werden, dass gerade die Versender von Lebensmitteln die Versandmöglichkeiten der Bahn wenig ausnutzen. Die Marktzufuhr mit der Bahn nach Riga beträgt 1/5 bis 1/6 der in früheren Jahren zugeführten Lebensmittelmenge, obwohl der Kraftwagentransport so gut wie ganz ausgefallen ist. Diese Erscheinung ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Preiserhöhung für landwirtschaftliche Erzeugnisse durchaus nicht den erhofften Erfolg gehabt hat. Die Bauern haben das Vertrauen zum Geld als Sparmittel verloren und werden in ihrer Ansicht weiter bestärkt, weil sie keine Möglichkeit haben, in der Stadt Einkäufe zu machen. Die Preiserhöhung sollte den Bauern in erster Linie die Möglichkeit bieten, ihren Bestand an landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten zu ergänzen. Augenblicklich [? ?] aber weder [?] notwendige Maschinenteile für Reparaturen und wichtige Verbrauchsgüter kaufen, wie Salz, Essig, Branntwein, Kerzen, Streichhölzer, Tabak und andere Waren.

Auf dem Lande entwickelt sich eine umfangreiche Tauschwirtschaft, wobei man sich von der Geldwirtschaft möglichst fernhält. Es liesse sich zwar eine zwangsweise Ablieferungswirtschaft durchführen. In diesem Falle würde jedoch bestimmt die Qualität der Ware und im Endergebnis auch ein Teil der örtlichen Industrie (wie Leinen-, Leder- und Lebensmittelindustrie) darunter leiden. Die Eröffnung von Geschäften, in denen auch die Bauern einkaufen können, erscheint daher dringend notwendig.

Im Zusammenhang mit der Lebensmittelknappheit ist in Riga an den Chef der Abteilung Wirtschaft des Generalkommissars in Riga, Dr. Kemna, ein Vorschlag zur Erhöhung der Lebensmittelrationen eingebracht worden. Der Vorschlag geht im wesentlichen darauf hinaus, die Lebensmittelrationen dem Stande im Reich auszugleichen. Es sind insbesondere Zulagen für Schwerarbeiter vorgesehen. Die praktische Durchführung einer Erhöhung der Lebensmittelration wird jedoch erst dann möglich sein, wenn die Anlieferung nach Riga grösser wird.

  1. Die Lage in Estland:

Das öffentliche Leben des Landes befindet sich nach wie vor in einem Zustand des Abwartens und des Ueberganges. Da das Eintreffen der Zivilverwaltung noch nicht abzusehen ist, sind grössere Entscheidungen nicht möglich. Dem passt sich auch die Einstellung der Bevölkerung an, die bei einem spürbaren Aufbauwillen und lebhafter Anteilnahme an allen notwendigen Massnahmen sich von selbst über die Lösung der dringendsten Probleme des Alltags nicht vorwagt.

Das Vertrauen in die Arbeit der deutschen Stellen ist nach wie vor gross. Es zeigt sich darin, dass die vorliegenden Schwierigkeiten, die z.Tl. – wie die Transport- und Rohstofffrage – recht beträchtlich sind, mit Verständnis getragen werden. Auf politischem Gebiet bestehen keine Ambitionen auf staatliche Selbstständigkeit mehr, obwohl die freundliche Erinnerung an die zwanzig Jahre eigener Staatlichkeit noch lebendig ist. Die breiten Massen zeigen sich verhältnismässig unpolitisch und hauptsächlich daran interessiert, möglichst bald eine Grundlage zur Einordnung des persönlichen Lebensbereichs in die künftige Entwicklung zu finden, deren Bestimmung durch deutsche Kräfte vorbehaltlos anerkannt wird.

Auf dem Gebiete der Gesetzgebung herrscht noch völliger Uebergangszustand. Das öffentliche Leben wird teils durch Anordnungen der Wehrmachtsstellen, teils durch gesetzeskräftige Verordnungen der vom Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes Nord eingesetzten Estnischen Selbstverwaltung, des sogenannten „Direktoriums“ geregelt.

In der Rechtspflege sind bislang nur Strafgerichte mit einer Instanz eingeführt, die ihre Tätigkeit auf Grund des estnischen Strafgesetzbuches und der Estnischen Strafprozessordnung, wie sie vor dem 21.6.1940 gültig waren, aufnehmen. Ferner sind nach Sichtung durch den Direktor für das Gerichtswesen unter der Kontrolle des SD wieder Rechtsanwälte und Notare eingesetzt worden.

Die Einführung von Zivilgerichten, die gleichfalls das vor dem 21.6.40 gültige estnische Gesetz anwenden werden, wird vorbereitet. An sonstigen Organen der Justiz haben Gerichtsvollzieher und Grundbuchämter ihre Tätigkeit noch nicht aufgenommen.

Auf dem Gebiete der Verwaltung ist die Lage durch den allmählichen Abschluss der Tätigkeit der Militärverwaltung gekennzeichnet. Der Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes Nord hat durch besonderen Erlass angeordnet, dass Reformen jeder Art nicht zu den Aufgaben einer Militärverwaltung gehören, also auch von der vom Befehlshaber abhängigen Estnischen Selbstverwaltung nicht in Angriff genommen werden dürfen. Dies wird sich auf die Dauer gesehen naturgemäss hemmend auswirken. Erst die baldige Einsetzung der politischen Verwaltung (Generalkommissar) wird die Lösung vieler mit dem jetzigen Uebergang verbundenen Schwierigkeiten bringen können. Es ist zu befürchten, dass bei längerem Anhalten des jetzigen Schwebezustandes Schäden eintreten, die später nur schwer behoben werden können. Auch die estnische Bevölkerung, die sich im allgemeinen sehr zurückhaltend und abwartend über die politische und wirtschaftliche Gestaltung der Zukunft äussert, hofft auf die baldige Einsetzung der Zivilverwaltung.

Nach dem Abflauen der ersten Begeisterung über die Befreiung durch die deutschen Truppen macht sich nun ein allmähliches Anwachsen des estnischen nationalen Selbstgefühls bemerkbar, das sich, ohne zur Deutschfeindlichkeit zu neigen, in einer steigenden Betonung des Eigenen, besonders wo Esten unter sich zusammen sind, äussert. Andererseits zeigt es sich jetzt, dass sich die feindliche Einstellung dem Bolschewismus gegenüber auch auf diejenigen Russen ausdehnt, die schon lange im Lande wohnen und selbst nicht als Kommunisten anzusprechen sind.

Diese Entwicklung des estnischen Nationalgefühls in kultureller und folkloristischer Hinsicht steht am Anfange und äussert sich häufig nur im Unbewussten. Fest steht, dass in dieser Beziehung ein starkes Eigenständigkeitsgefühl vorhanden ist. Die Bereitschaft, – vor allem bei allen zur Zeit irgend führend tätigen Esten -, sich in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht eng in den grossgermanischen Lebensraum unter deutscher Führung einzufügen, wird dadurch nicht beeinträchtig. Das starke Bewusstsein des kulturellen Eigenwertes kommt wohl am nächsten der Einstellung, wie sie in manchen süddeutschen Gauen bestand und zum Teil noch besteht. Gleichzeitig sind aber die Esten geneigt, auch auf kulturellem Gebiet Schöpfungen des deutschen Volkes zu pflegen und aufzunehmen. Sie betonen aber dabei, mindestens unausgesprochen, dass sie „auch etwas zu bieten haben“.

Die stärkste völkische Minderheit in Estland ist die russische. In der kleinbäuerlichen russischen Bevölkerung in den Grenzgebieten ist die Sympathie für den Kommunismus noch unverändert. Von der städtischen Intelligenz, die sich vorwiegend aus „weissrussischen“ Emigranten rekrutiert, lässt sich dies nicht sagen, jedoch tritt nun zutage, dass in diesen Kreisen unter der Bolschewistenherrschaft die Auffassung stark verbreitet gewesen ist, der Bolschewismus habe im Laufe der Zeit sein Gesicht gewandelt und es habe eine evolutionäre Entwicklung eingesetzt, an deren Ende man ein wiedergenesenes „Mütterchen Russland“ erhofft. Besonders die Person von Molotow ist in diesem Zusammenhang oft und gern als die eines innerlich nationalen Russen genannt worden.

Über die örtlichen Schweden liegen noch keine ins einzelne gehenden Meldungen vor. Ihr Eigenleben konzentriert sich zur Zeit fast ausschliesslich auf das kirchliche Gebiet. Durch Umsiedlungen hat die in dem von den Sowjets zum Festungsbezirk erklärten Gebiet ansässige Volksgruppe stark gelitten.

Weniger von rassenpolitischen Gesichtspunkten, als aus der Erinnerung an eine in der Bolschewistenzeit und auch noch jetzt bewiesene Haltung zeigt sich die estnische Bevölkerung in den Grenzgebieten äusserst ablehnend dem örtlichen Russentum gegenüber. Immer wieder wird seine Umsiedlung nach Osten verlangt. Vom Rassenpolitischen her gesehen ist dieses Verlangen insoweit bedeutsam, als es sich hier um einen rassisch den Esten unterlegenen Bevölkerungsteil handelt, der durch seinen beachtlichen Geburtenüberschuss starke Ausdehnungstendenzen in den rein estnischen Teil zeigt.

Auf dem Gebiet des Gesundheitswesens, das zur Zeit vom Estnischen Sozialdirektorium nach reichsdeutschem Muster reorganisiert wird, wirkt sich die Verminderung des Aerztebestandes in den letzten zwei Jahren aus. Durch Umsiedlung nach Deutschland und Verschleppung nach der USSR ist die Zahl von 974 (1939) auf heute 616 gesunken. Die Aerzteschaft ist heute fast ausschliesslich an Kliniken und Heilanstalten beschäftigt. Für die Praxis kommen nur wenige in Betracht. Ein eigentlicher Aerztemangel besteht jedoch nur auf dem flachen Lande. Eines der wichtigsten Probleme der heutigen Gesundheitsführung in Estland ist die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, die in der Zeit der Sowjetherrschaft eine Zunahme erfahren haben.

Im Mittelpunkt der Betrachtungen der estnischen Hochschulkreise steht die Frage der Wiedereröffnung der Universität Dorpat und der Technischen Hochschule in Reval. Z.Zt. ruht der Lehrbetrieb an beiden Anstalten. Das wissenschaftliche Personal sieht sich auf die Forschungsarbeit in den Instituten angewiesen. Da bis jetzt amtlich noch nichts über das weitere Schicksal der beiden wissenschaftlichen Lehranstalten bekanntgegeben worden ist, werden von den Universitätskreisen immer wieder Vorstösse unternommen, um namentlich die Eröffnung der Universität Dorpat wieder zu erreichen.

Durch Besprechungen mit dem Leiter der Hauptabteilung Wissenschaft beim Reichskommissar fuer das Ostland, Prof. Spohr, ist dem Rektor der Universität Dorpat und seinen führenden Mitarbeitern bekannt, dass Spohr folgendes plant:

  1. Schaffung einer Uebergangs- und Abwicklungszeit für alle Hochschulen im Reichskommissariat Ostland mit dem Abwicklungstermin 15.1.1943.
  2. Im Zusammenhang damit beschleunigte Wiedereröffnung der Universität Dorpat mit Beschränkung auf beide oberste Jahrgänge (letzte Semester) und mit dem Ziel raschen Studienabschlusses.
  3. Von Januar 1943 ab Aufbau einer völlig neuen Universität unter deutscher Führung, als gemeinsame Universität aller vier ostländischen Generalkommissariate und mit dem Auftrag kultureller Ausstrahlungen nach den benachbarten nordischen Ländern (Finnland, Schweden). Den vier Völkern des Reichskommissariats Ostland sollen hierbei folkloristische, sprachwissenschaftliche und kulturelle Lehrstühle überlassen werden.
  4. Ausgliederung der theologischen Fakultät und ihre Verselbständigung zu einer Theologischen Hochschule.
  1. Studium jüngerer Lehrgänge ab sofort im Reich.

Der Rektor der Universität Dorpat, Prof. Kant, hat sich auf Wunsch Spohr´s zur Uebernahme der Leitung und Verantwortung für den Uebergangszustand bereit erklärt, obwohl er früher ein besonderer Anhänger der estnischen Eigenstaatlichkeit und der Pflege der Beziehungen zu Finnland war. Es besteht der Eindruck, dass er den ihm übertragenen Auftrag – sobald die von Spohr angestrebte Regelung durch Verordnung festgelegt ist – loyal durchführen wird. Bei den personellen Säuberungsaktionen der Aussenstelle Dorpat der Sicherheitspolizei und des SD[?] in den stark liberalen und bolschewistischen Universitätskreisen, bei denen bisher rund ein Drittel des Personalbestandes entfernt wurden, hat Kant grösstes Verständnis und aktive Mitarbeit gezeigt.

Auf dem Gebiete des Schulwesens stellt eine wichtige Frage die des Lehrpersonals dar. Da zur Zeit der Sowjetherrschaft viele Lehrer sich durch die Ausübung des Unterrichts in vorgeschriebenem Sinne (gewöhnlich unter Zwang) vor ihren Schülern exponiert haben, werden Versetzungen und Ausscheidungen erforderlich. Die beschleunigte Durchführung dieser Massnahmen wird bedingt durch die Notwendigkeit, die beschäftigungslos in hohem Masse sich selbst überlassene Jugend umgehend wieder einer festen Lenkung zuzuführen, um den sich aus Zeit und Umständen ergebenden schädlichen Einflüssen, namentlich in krimineller Hinsicht, zu steuern.

Als altes Einflussgebiet deutscher Kultur ist Estland reich an  Kulturdenkmälern, die für deutsche Geschichtsforschung und Kunstpflege unersetzliche Werte darstellen. Wenn auch ein Teil dieser Kunstschätze von den Bolschewisten verschleppt worden ist, so ist der wertvollste Teil erhalten geblieben und auch von den Kriegshandlungen nicht versehrt worden. Nicht zuletzt hat sich hier in zahlreichen Fällen die Treue estnischer Museums- und Archivbeamter zu den ihnen anvertrauten Kulturwerten in positivem Licht gezeigt, in dem z.B. die Objekte vergraben oder sonst versteckt und so vor dem Zugriff der Sowjets gerettet wurden.

Die estnische Presse beschränkt sich z.Zt. auf in den grösseren Städten erscheinende einzelne Mitteilungs- und Informationsblätter. Von der Estnischen Selbstverwaltung wird die Herausgabe einer grossen politischen Tageszeitung geplant, um den Grund zu einer systematischen Propaganda- und Aufklärungsarbeit zu legen.

Ausser der Presse stellen z.Zt. die einzigen Propagandamöglichkeiten Funk und Film dar. Um den zerstörten Gross-Sender Turgel (Türi) zu ersetzen, ist aus dem Reich ein fahrbarer Sender in gleicher Stärke herangeholt worden.

Innerhalb der Bevölkerung besteht ein starkes Bedürfnis nach deutscher Literatur, die geeignet ist, Aufklärung über die wichtigsten deutschen Lebensprobleme und ihre Behandlung im Reich zu geben. Deutsche Zeitschriften sind sehr begehrt und werden sofort nach Erscheinen im Handel ausverkauft.

In Nordestland ist durch die Kriegshandlungen die Einbringung der Ernte um etwa einen Monat aufgehalten worden, z.Zt. aber bereits überall abgeschlossen. Schwierigkeiten bestehen bei der Beschaffung von Treibstoffen für die beim Drusch notwendigen Motoren. Bei der Kartoffelernte haben sich die vorzeitigen Fröste der letzten Tage insoweit schädigend ausgewirkt, als die noch einzubringenden Kartoffeln nur noch für die Spritherstellung verwendbar sein werden.

Eine grosse Schwierigkeit bedeutet für die Bauern die Beleuchtungsfrage. Da die ländlichen Wirtschaften in der Regel keinen elektrischen Strom, sondern Petroleum zu Beleuchtungszwecken verwenden, macht sich der Mangel an diesem Stoff empfindlich spürbar. Verschiedene Verrichtungen müssen unterlassen werden. So wird z.B. in manchen Gegenden statt dreimal nur zweimal am Tage gemolken, was praktisch einen Ausfall von 10 % der Milchproduktion bedeutet.

Das brennendste Problem auf dem Lande stellt die Regelung der Besitzverhältnisse dar, die durch die bolschewistische Nationalisierung vollkommen verwirrt worden sind. Hier stehen sich Altbauern und neuangesetzte Siedler gegenüber, wobei die Furcht der letzteren, das ihnen von den Sowjets übereignete Land bald wieder abtreten zu müssen, sich hemmend auf ihre Arbeitsleistung auswirkt.

Auf dem Arbeitsmarkt stellt die dringlichste Frage der Einsatz der arbeitslosen Frauen dar. Die Zahl der arbeitslosen Männer nimmt täglich ab und beträgt in Reval z.B. nur etwa 2.000 gegenüber 18.000 arbeitslosen Frauen. Das Ueberwiegen der letzteren ist bedingt durch die tiefen Lücken, die die Verschleppungsaktionen der Sowjets in der männlichen Bevölkerung hervorgerufen haben. Man plant, die beschäftigungslosen Frauen auf das Land zu verteilen, um die Städte für den Winter zu entlasten. Es wird die Einführung einer Art von Arbeitsdienstpflicht erwogen.

(- 15 -)

angängig, zur Durchführung sicherheitspolizeilicher Arbeiten, die mit eigenen Kräften nicht bewältigt werden können – insbesondere Fahndung, Festnahmen und Durchsuchungen – herangezogen. Wesentliche Teile des Fahndungsmaterials, das von den Russen bei ihrem Rückzug verschleppt worden war, ist in Wilna aufgefunden und polizeilich ausgewertet worden.

In ähnlicher Weise wurden in Wilna und Schaulen aus den litauischen Selbstschutzkräften, die sich dort unter der Bezeichnung „Litauische Sicherheits- und Kriminalpolizei“ selbstständig gebildet hatten, brauchbare Hilfsorgane geschaffen. Insbesondere in Wilna war eine durchgreifende personelle Säuberung notwendig, da sich dort zum grossen Teil arbeitslose Beamte und Angestellte ohne jegliche Fachkenntnisse und zum Teil auch politisch belastete Elemente in der litauischen Sicherheitspolizei zusammengetan hatten. Nach der Entfernung der belasteten und unbrauchbaren Personen wird auch hier unter ständiger Aufsicht des EK 3 von der litauischen Sicherheits- und Kriminalpolizei durchaus brauchbare Arbeit geleistet.

Die sich im Wilnagebiet angesichts des dort wohnenden Völkergemischs – Litauer, Polen, Weissruthenen und Russen – auf verschiedenen Gebieten ergebenden Schwierigkeiten machen sich auch bei dem Einsatz der Hilfspolizeiorgane bemerkbar. In den überwiegend von Polen bewohnten Kreisen Saleimnikai, Oschmiana und Lida sind zurzeit noch polnische Hilfspolizisten tätig. Der [?] Hass zwischen Polen und Litauern hat zur Folge,

(- 19 -)

Ähnlich wie in Lettland war die Entwicklung in Estland. Auch hier wurden in Reval sofort von der deutschen Sicherheitspolizei estnische Hilfspolizeiorgane in grosser Zahl aufgestellt. Auf dem Lande konnte dabei auf bereits spontan in Bildung begriffene Formationen zurückgegriffen werden. Nach Überprüfung der zum Hilfspolizeidienst herangezogenen Personen wurde in Reval eine Polizeipräfektur mit 13 Polizeirevieren, einer Kriminal-Abteilung und einer politischen Abteilung errichtet.

Aufgabe der Polizeireviere und der Kriminal-Abteilung ist die Bewahrung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. Die Kriminal-Abteilung hat alle ihr bekannt werdenden kriminellen Delikte selbst zu verfolgen und selbst zu bearbeiten, der Sicherheitspolizei jedoch alle Fälle laufend zu melden.

Die politische Abteilung der Polizeipräfektur untersteht in sachlicher Hinsicht unmittelbar der deutschen Sicherheitspolizei. Ihre Tätigkeit hat sich auf Fahndung, Festnahme und Vernehmung sowie die Herbeischaffung des Beweismaterials zu beschränken. Nach Abschluss dieser Arbeit werden die Akten dem Einsatzkommando mit einem Entscheidungsvorschlag vorgelegt. Ausserdem führt die politische Abteilung alle Überprüfungen von Personen durch, die in Wirtschaftsbetrieben tätig sind oder eingestellt werden sollen. Die Überprüfungsergebnisse werden dem Einsatzkommando zur Entscheidung vorgelegt.

Neben der Hilfspolizei wurde der Selbst[?] organisiert, der unter Führung durch Offiziere der ehemaligen estnischen Armee aus zuverlässigen Esten in [?] zusammen gefasst wurde,

(- 84 -)

Der Leiter der Kulturdirektion befasst sich mit dem Gedanken der Gründung einer lettischen Kunstagentur, die eine Anstalt der schaffenden Künstler Lettlands zur Regelung des Autorenhonorars darstellen würde.

Die Wiederaufnahme der Tätigkeit des Konservatoriums und der Kunstakademie wurde von der deutschen Propaganda-Abteilung bewilligt. Die endgültige Regelung über die Frage der aus dem Konservatorium entlassenen Lehrkräfte, welche von deutschen und lettischen Stellen gemeinsam getroffen werden sollen, steht noch bevor.

Die Uebernahme sämtlicher Textilfabriken, der Papier- und Zellstoffabriken, sowie mehrerer Grosschneiderein durch die „Ostlandfaser-GmbH“ hat in lettischen (politischen und Wirtschafts-)Kreisen viel Aufsehen erregt. Lettischerseits sieht man in der Gründung der Ostlandfaser GmbH, die eine Tochtergesellschaft der durch den Vierjahresplan gegründeten Ostfaser GmbH in Berlin ist und an der sich in der Hauptsache die deutschen Selbstversorger der einschlägigen Wirtschaftszweige, wie z.B. die Wirtschaftsgruppe Textil, beteiligen, eine wirtschaftliche und zugleich auch politische Ausschaltung des Lettentums aus der Wirtschaft. Verstärkt werden diese Befürchtungen dadurch, dass auf dem landwirt-

Einsatzgruppe A

[…] vom 26. Oktober 1941 bis 31. Januar 1941


  1. Allgemeine Übersicht: 2
  2. Allgemeine Lage in grundsätzlicher Hinsicht 11

1.) Stimmungsbericht 11

2.)Politik und Verwaltung 18

3.) Propaganda 28

4.) Kulturelle Gebiete. 32

5.) Volkstum 50

6.) Volksgesundheit 53

III. Juden……………………………………………………………………………..57

  1. Kirche 66

I. Allgemeine Übersicht:

 

Beim Abschluss des ersten Gesamtberichts der Einsatzgruppe A am 15. Oktober 1941 standen die Truppen der Heeresgruppe Nord mit ihrem rechten Flügel, Teilen der 16. Armee, an den Waldaihöhen, hielten den Ilmensee und nördlich davon Nowgorod. Die Mitte der am rechten Flügel der Heeresgruppe Nord stehenden 16. Armee traten bereits bei starkem Frost den weiteren Vormarsch in nordostwärtiger Richtung vom Walchow aus an und erreichten nochmale in zügigem Vorgehen Tichwin. In der Mitte der Heeresgruppe war nunmehr die Panzergruppe 4 zur Verwendung bei einer anderen Heeresgruppe herausgezogen worden. Ihr Frontabschnitt wurde von der bisher am linken Flügel der Heeresgruppe Nord stehenden 18. Armee übernommen, die im Verlauf der weiteren Operation nicht nur die Einschliessung der 8. Russischen Armee bei Oranienbaum, die gesamte Zernierung von Leningrad, u.zw. von Peterhof über Uritz bis nach Schlüsselburg, sondern noch Teile der nach Osten gerichteten Front südlich von Ladogasee übernahm.

Unter dem Einfluss des ungewöhnlich frühen und ungewöhnlich harten Winters und des verstärkten Drucks der Russen wurde eine fast gerade verlaufende Front von Ladogasee nach Süden entlang dem Wolchow von der 18. und 16. Arme gebildet.

Vor Petersburg war die Lage durch starke Angriffe der Russen gekennzeichnet, die den Ring unter allen Umständen zu sprengen und eine Vereinigung mit den südostwärts vom Ladogasee stehenden russischen Truppen verauchten. Alle diese Ausbruchsversuche der Russen wurden von der glänzend geführten 18. Armee in zähnen und erbitterten Winterkämpfen abgewiesen. Trotz stärkere Übermacht bei den einzelnen Angriffen und dem Einsatz starker Panzerkräfte konnten die Russen vor Petersburg nicht den geringsten Erfolg erzielen.

Mit Einbruch des Hochwinters mit Temperaturen von unter 40° Kälte drängten die Russen insbesondere an der Wolchowfront und später am Ilmensee und in der Gegend um Cholm auf die deutschen Linien. Bei den erbitterten Abwehrkämpfen, bei denen die deutschen Truppen unter der oft mit Schneestürmen verbundenen eisigen Kälte zu leiden hatten, erlitten die Russen fast unvorstellbare Verluste. Trotz aller Schwierigkeiten ist die Haltung insbesondere der von Anfang an im russischen Feldzug eingesetzten Truppen eine ausgezeichnete. Beim Abschluss dieses Berichts dauernd die Abwehrkämpfe noch an, die von der Heeresgruppe Nord unter der nunmehrigen Führung des Generaloberst v. Küchler, dem bisherigen Oberbefehlshaber der 18. Armee, gemeistert wurde.

Nachdem die Panzergruppe 4, mit der die Beziehungen der Sicherheitspolizei besonders eng waren, vor Petersburg abgezogen wurde, ergab sich sehr schnell eine ebenso gute Zusammenarbeit mit der dort eingesetzten 18. Armee. Auch die Verbindung zur 16. Armee wurde in der Berichtszeit enger gestaltet.

Vor Petersburg war die Lage durch starke Angriffe der Russen gekennzeichnet, die den ring unter allen Umständen zu sprengen und eine Vereinigung mit den südostwärts vom Ladogasee stehenden russischen Truppen verauchten. Alle diese Ausbruchsversuche der Russen wurden von der glänzend geführten 18. Armee in zähen und erbitterten Winterkämpfen abgewiesen. Trotz stärkerer Übermacht bei den einzelnen Angriffen und dem Einsatz starker Panzerkräfte konnten die Russen vor Petersburg nicht den geringsten Erfolg erzielen

Mit Einbruch des Hochwinters mit Temperaturen von unter 40° Kälte drängten die Russen insbesondere an der Wolchowfront und später am Ilmensee und in der Gegend um Cholm auf die deutschen Linien. Bei den erbitterten Abwehrkämpfen, bei denen die deutschen Truppen unter der oft mit Schneestürmen verbundenen eisigen Kälte zu leiden hatten, erlitten die Russen fast unvorstellbare Verluste. Trotz aller Schwierigkeiten ist die Haltung insbesondere der von Anfang an im russischen Feldzug eingesetzten Truppen eine ausgezeichnete. Beim Abschluss dieses Berichts dauernd die Abwehrkämpfe noch an, die von der Heeresgruppe Nord unter der nunmehrigen Führung des Generaloberst v. Küchler, dem bisherigen Oberbefehlshaber der 18. Armee, gemeistert wurde.

Nachdem die Panzergruppe 4, mit der die Beziehungen der Sicherheitspolizei besonders eng waren, vor Petersburg abgezogen wurde, ergab sich sehr schnell eine ebenso gute Zusammenarbeit mit der dort eingesetzten 18. Armee. Auch die Verbindung zur 16. Armee wurde in der Berichtszeit enger gestaltet.

Bei dieser militärischen Lage ergaben sich für die im Operationsgebiet eingesetzten Teile der Sicherheitspolizei und des SD wiederum erneute Aufgaben.

Die Erkundung von Petersburg wurde in enger Zusammenarbeit mit der 18. Armee und insbesondere mit dem L. Korps unter General Lindemann, der jetzt den Oberbefehl über die 18. Armee übernommen hat, verstärkt. Einzelne Schwierigkeiten, die, offensichtlich auf höheren Einfluss zurückgehen, bei der Abstellung von Agenten sich abzuzeichnen begannen, wurden durch Rücksprache mit der 18. Armee und auch der Heeresgruppe Nord beseitigt, die dabei zugab, auf die Mitarbeit der Sicherheitspolizei und des SD angewiesen zu sein, da sie 80% ihrer Nachrichten über das belagerte Leningrad von ihr erhalte. Allerdings wurde die Erkundungsarbeit dadurch immer mehr erschwert, dass der Ring um Petersburg sich noch fester schloss, sodass die Durchschleusung vom Agenten kaum mehr möglich wurde. Auch nahmen die Sowjets allmählich von der Absendung grosser Mengen von Agenten durch die deutschen Linien Abstand und verlegten sich mehr auf Erkundungstätigkeit durch besonders ausgewählte Personen, die mit Sendegeräten versehen, durch Fallschirme hinter den deutschen Linien abgesetzt wurden. Sicherheitspolizei und SD stellte sich alsbald auf diese veränderte Waktik um, sodass es im grossen […] Agenten einschliesslich ihrer Sendegeräte habhaft zu werden.

Die Erkundung von Petersburg ergab eine stetig fortschreitende Verschlechterung der Lage in der Stadt, die nach unseren Begriffen bereits katastrophal ist. Es ist aber nicht zu erwarten, dass die Sowjets daraus irgendwelche Konsequenzen ziehen werden, ebenso wenig, dass die gequälte Bevölkerung es verstehen könnte, sich gegen die Machthaber dort aufzulehnen. Die ist nach wie vor fest in der Hand der Sowjets. Sie wird heute im wesentlichen durch Zufuhr über den gefrorenen Ladogasee versorgt. Wenn es, was kaum anzunehmen ist, den Sowjets nicht gelingt, wesentliche Vorräte noch jetzt in die Stadt zu verbringen, wird nach Auftauen des Ladogasees ein unvorstellbares Massensterben in Leningrad einsetzen, nachdem bereits in den letzten drei Monaten dort ungefähr 200.000 Menschen gestorben sind.

Sicherheitspolizei und SD setzen auch in dieser Berichtszeit im Operationsgebiet die Bekämpfung des […] fort. In einer Reihe von Vorfällen konnten dabei beachtliche und auch für die weitere Bekämpfung der Panzer…. aufschlussreiche Erfolge erzielt werden. Nicht nur die 18., sondern auch die 16. Armee hatten dringend gebeten, in den besonders partisanengefährdeten Gebieten südlich vom Ladogasee und südlich vom Ilmensee Kommandos anzusetzen. Leider hatte die Einsatzgruppe A hierbei Verluste, die zwar, absolut gesehen, geringfügig prozentual aber doch recht hoch sind, und an die […] herankommen.

Neu hinzu kam im Operationsgebiet die Erfassung der Volksdeutschen um Leningrad und dem Nowgorod. Im Zusammenwirken mit den zuständigen Armeen wurden diese Volksdeutschen, die im Gefechtsgebiet dem feindlichen Beschuss ausgesetzt waren, und die ohne Hilfe dem Hunger und der Kälte in diesem Winter erlegen wären, in der Hauptsache ins Reicht und zu einem kleineren Teil nach Estland abtransportiert.

Weiterhin wurden die Esten und Finnen im Ingermanland registriert und ihre Lebensverhältnisse dabei geprüft. Es stellte sich heraus, dass einige tausend gut rassischer Esten ohne Hilfe verhungern müssen. Ihr Abtransport nach Estland wurde daher vorbereitet.

Die Erhebung bei den ca. 55-60.000 Finnen im Ingermanland ergab, dass ca. 6000 einer sofortigen Hilfe und weitere 10.000 einer Hilfe noch im Laufe dieses Winters bedürfen. Die von Sicherheitspolizei und SD angeregten Verhandlungen mit den Finnen ergab die Entsendung einer finnischen Untersuchungskommission, die beim Stab der Einsatzgruppe im Krasnogwardeisk untergebracht wurde, und die dort über die gesamte Lage mit unserer Hilfe sich unterrichten konnte. Die Verhandlungen über diese Frage sind noch nicht abgeschlossen.

In der Berichtszeit wurde das Gebiet des früheren Freistaates Estland der Zivilverwaltung unterstellt. Damit um…. der grossere Teil der von der Einsatzgruppe A zu bearbeitenden Gebiete nunmehr der Zivilverwaltung. Die politischen Verhältnisse in Estland unter der geschickten Führung des G….

Lietzmann […]. Die Einsetzung des Dr. Mae als Generaldirektor für die estnische Verwaltung erwies sich ebenfalls immer mehr als ein glücklicher Griff. Die heute führenden Esten sind überzeugt, dass sie nicht bloss an der Seite von Deutschland, sondern am besten im Verbande des Deutschen Reiches selbst ihre Zukunft werden gestalten können. Die rassische Zusammensetzung des Volkes im nördlichen und westlichen Teil von Estland lässt eine solche Entwicklung durchaus wünschenswert erscheinen. Völlig anders allerdings verhält es sich mit den Gebieten im südostwärtigen Teil von Estland und um den Penpussee. Hier zeigen sich auch Ansätze deutschfeindlicher Stimmung, und nach wie vor bei den dortigem […] für die Sowjets. Die Gebiete dort werden von der Sicherheitspolizei besonders überwacht. Die Aussiedlung der dortigen Bevölkerung wird später einmal notwendig werden.

Die politische Haltung in Lettland ist nach wie vor uneinheitlich. Die Stimmung und Haltung in Lettgallen ist in keiner Weise deutschfreundlich.

Anders verhält es sich in den westlichen Teilen von Lettland, insbesondere von Tivland und Kurzland. Hier zeigen sich trotz aller Fehler, die auch von deutscher Seite gemacht werden und trotz dem Drängen nationalistischer Kreise durchaus Anzeichen zu einer endgültigen Be… des Gebietes und zu einer Zusammenarbeit. Auch die Werbung von Schutzmannschaften hatte in der vergangenen Zeit erfreuliche Ergebnisse. Wo, Letten, insbesondere auch bei der Sicherheitspolizei eingesetzt […] sie hervor-

Hervorragende kämpferische Eigenschaften.

In Litauen ist die Einstellung vorherrschend, dass das litauische Volk seine eigenstaatliche Selbstständigkeit verloren und keinerlei Aussicht hat, diese zurückzugewinnen. Dadurch ergeben sich eine abwartende und lauernde Einstellung. Besonders schlecht liegen die Verhältnisse im ostwärtigen Teil von Litauen, wo sich nach wie vor die starken polnischen Einflüsse zeigen. Die Polen sind von allen den vielen Völkerschaften des Reichskommissariats Ostland bei weitem die schlechtesten und gefährlichsten. Bei der sicherheitspolizeilichen Arbeit wird gerade hierauf besonders geachtet.

Das Generalkommissariat […] immer nicht von Partisanen befriedet. Dieser Unsicherheit ist symptomatisch für weite Gebietsteile. Die Weissruthenen zur positiven Mitarbeit heranzuziehen, ist unmöglich. Auch die Weissrusthenen zeigen das übliche verkommende Bild der Bevölkerung in Sowjetrussland.

Die Beziehungen der Sicherheitspolizei und des SD zu den […] sind durchaus […].

Das Verhältnis zum […] ist, wie bereits im letzten Lagebericht hervorgehoben, dadurch gekennzeichnet, dass trotz dauerndem Drängen von uns noch immer keine klare Abgrenzung in den Zuständigkeitsgebieten erreicht worden ist. Der Höhere […] und Polizeiführer ist darauf hingewiesen worden, dass die Behörde des […] das Reichskommis…. bei Verordnungen die Polizei nicht so […] werden muss. Es ist jedoch anzunehmen, dass sich diese Angelegenheit in der nächsten Zeit wird regeln lassen.

Die Beziehungen zu den Generalkommissaren vom Befehlshaber und von den Kommandeuren aus sind teilweise sogar sehr gut. Zu einer grossen Zahl von Gebietskommissaren besteht ebenfalls bereits eine sehr enge Verbindung. Mit anderen ist die Vertiefung der Beziehungen angebahnt.

Ein grosses Augenmerk wurde in den letzten Wochen und Monaten auf den Ausbau der Kriminalpolizei und die Heranziehung einheimischer Kräfte zur Arbeit der politischen Polizei gelegt. Diese Kräfte werden in der nächsten Zeit vollends restlos in die deutsche Sicherheitspolizei eingebaut werden. Es wird dadurch auch möglich sein, gewisse Kräfte an den Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Weissruthenien abzugeben, da die Versuche, mit einheimischen Kräften dort zu arbeiten, völlig misslungen sind. Diese Heranziehung fremdvölkischer Kräfte ist bei der Stärke der Einsatzgruppe bzw. der der Einsatzkommandos, die sich aus Anlage 1 ergeben, insbesondere bei der beabsichtigten starken Einschaltung in die […].

Bei den vielfältigen Aufgaben, die sich für Sicherheitspolizei und SD in dem gesamten Gebiet der Zivilverwaltung und im Operationsgebiet ergeben, ist die Verteilung der Kräfte eine besonders schwierige. Über diese mit aller Sorgfalt getroffene Verteilung gibt die Anlage 2 Aufschluss. Diese Verteilung muss sich insbesondere auch nach den militärischen, zivilen und sonstigen …-Dienststellen richten. Den Vergleich hierzu zeigt Anlage 3.

Ausschlaggebender Wert wurde weiterhin sowohl im Operationsgebiet wie im Gebiet des Reichskommissariats Ostland auf den […] eines engen Netzes von Verl…. gelegt.

II. Allgemeine Lage in grundsätzlicher Hinsicht

1.) Stimmungsbericht

Die vergangenen Monate haben den deutlichen Beweis geliefert, dass die Entwicklung der Stimmung in […] Gebieten in stärkstem Maße veränderlich ist und von äußeren Ereignissen, Gerüchten und der Kriegslage schnell beeinflusst wird. Im Vordergrund stehen nach wie vor die Wirtschaftslage und die Ereignisse an der Front.

Dass sich die Stimmung der Bevölkerung, die beim Einmarsch der deutschen Truppen restlos positiv, begeistert und glücklich war, im Laufe der Zeit ändern würde, war zu erwarten. Inzwischen ist aber in Teilen des Gebiets und teilen der Bevölkerung eine so absolut ablehnende und störrische Haltung zu verzeichnen, die rein stimmung… Ursachen hat, dass selbst bei Kenntnis der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung die eigentlichen Gründe unklar bleiben.

Es gibt in allen Ländern des Reichskommissariats einen Teil der Bevölkerung, der schon jetzt bestimmte persönliche und

Wirtschaftliche Vorteile erreicht hat, und der trotzdem an der niedergedrückten Stimmung teilnimmt. Wie in allen politischen und wirtschaftlichen Fragen bestehen auch stimmungsmässig zwischen den einzelnen Generalkommissariaten Unterschiede.

In L i t a u e n war ein stetiger und anhaltender Stimmungsrückgang seit Einzug der Zivilverwaltung zu verzeichnen. Dazu trug wesentlich bei, dass die während der Besetzung durch die Wehrmacht entstandene provisorische Regierung verschwand und zunächst eine litauische Beteiligung an der Verwaltung nicht erfolgte. Auch die später eingeführten litauischen Gebiets- und Generalräte wurden zu einer praktischen Arbeit nicht zugelassen. Die deutschen Stellen, deren Angehörige nur zum teil Verwaltungspraxis und Kenntnisse des Landes und des Volkstums mitbrachten, zogen alle Arbeit an sich und fällten bis zum geringsten Vorgang selbstständige Entscheidungen, ohne im wesentlichen litauische Fachleute zu Rate zu ziehen. Da dies auf allen Gebieten geschah, wurden auch wirklich gutwillige Litauer vor den Kopf gestossen und fühlten sich, wie dies oft zum Ausdruck kam, genau so erobert wie die Polen.

Die propagandistisch nicht genügend vorbereiten […] Maßnahmen, die in die Lebenshaltung jedes einzelnen eingriffen, beeinflussten weiterhin wesentlich die Stimmung. Die in den letzten Monaten festgestellte starke Aufnahmebereitschaft für Hetzschriften, Gerüchte, Flugblätter und Nachrichten feindlicher Sender kann als Barometer gelten.

Die litauische Bevölkerung hat zweifellos nach dem Einmarsch der deutschen Truppen das Versprechen einer Wiederherstellung ihrer Eigenstaatlichkeit und die Erlaubnis zur Teilnahme am aktiven Kampf gegen den Bolschewismus erwartet. Da die gesamte stimmungsbeeinflussende Propaganda bis auf den heutigen Tag völlig ungenügend ist, erzeugt jede Massnahme der deutschen Verwaltung, die gegen diese Erwartungen spricht, Überraschung, Protest und Widerstand.

In letzter Linie spielt eine wesentliche stimmungsmässige Rolle die Lebensmittelzuteilung, die von der Bevölkerung deshalb kritisiert wird, weil sie angeblich niedriger als die der Juden im Reich und der Polen im Generalgouvernement liegt, und weil die reichsdeutschen in Litauen wesentlich höhere Sätze erhalten. Dazu kommt die Tatsache, dass trotz Lebensmittelkarten infolge der Transportschwierigkeiten die zugeteilten Waren nicht immer zu erhalten sind. Der Schleich- und Tauschhandel steht sowohl in den Städten als auch auf dem Lande in voller Blüte, und es bleibt der Bevölkerung nicht unbekannt, dass Reichsdeutsche und Wehrmachtsangehörige von diesen Einkaufsmöglichkeiten Gebrauch machen.

Anlg. 4 In der Anlage […] in Litauen verteiltes Flugblatt.

Die Auffassungen und Erwartungen und daher auch der stimmungsmässige Niederschlag der deutschen Massnahmen in L e t t l a n d waren ähnlich. Stärker wirkt sich stimmungsmässig in Lettland die Frontlage aus, die insbesondere dadurch bekannt und in Übertreibungen verbreitet wird, dass Flüchtlinge aus den Gebieten um Witebsk und Wellikj-Luki in die östlichen Teile Lettlands gelangen und dort die wildesten Gerüchte verbreiten. Dazu kommt eine zweifellos aus den alten ulmanistisch anglophilen Kreisen Kreisen stammende Gerüchtemacherei aus Riga und die Verbreitung englischer und schwedischer Rundfunknachrichten.

Da die Bevölkerung Lettlands stärker als die anderen Länder die Lage an der Front betrachtet, richten die Erzählungen von deutschen Soldaten, die von der Front und vor allem Dingen aus den rückwärtigen Gebieten der Front kommen, deshalb ziemlichen Schaden an, weil sie, gewöhnlich aus Grossmannssucht und ohne Vorsicht, die unglaublichsten dinge in pessimistischer Art erzählen. So wird die Stimmung auch von der Furcht beeinflusst, dass der Bolschewismus noch einmal wiederkäme.

In den national denkenden deutschfreundlichen Kreisen hat die Tatsache, dass der ehemalige Finanzminister V a l d m a n i s  vom Generalkommissar als Vertrauenspersönlichkeit herausgestellt wird, ernüchtert und stimmungsverschlechternd gewirkt. Deutschfreundliche Letten sehen in ihm einen Konjunkturpolitiker und politischen Jongleur.

Auch in Lettland beeinflussen die Ernährungslage, das dauernde Schlangestehen vor den Geschäften nud insbesondere der ungeheure Mangel an Heizmaterial die Stimmung der Bevölkerung stark.

Eine allgemein bessere Stimmung bei der Landbevölkerung in Lettland ist daraus zu schliessen, dass die für die deutsche Wehrmacht erfolgte Sammlung eine ausgesprochen gutes Ergebniss hatte. Z.B. hat das Gebiet Semgallen mit weniger als 300.000 Einwohnern 87.000 Stück Wintersachen, darunter 5.400 Pelze, gespendet.

Überhaupt muss in Lettland festgestellt werden, dass sich die schlechten Stimmungsäußerungen ausschließlich gegen Stellen der deutschen Zivilverwaltung richten und die deutsche Wehrmacht nach wie vor beliebt ist.

Ausgesprochen schlecht ist die Lage und Stimmung der […] in den grösseren Städten Lettlands. Die Indus…löhne sind gering. Es sind Fälle bekannt, dass ein 18jähriges Mädchen als Stenotypistin 40.-RM im Monat mehr verdient als ihr Vater als Facharbeiter.

Dass Letten auf der einen Seite die Hälfte der Nahrungsmittelrationen erhalten, auf der anderen Seite aber ebenso zu Sammlungen aufgefordert werden, und dass es weiter Letten verboten ist, die Jagd auszuüben, während sie andererseits aufgefordert werden, sich freuwillig zum RAD zu melden, gehört zu den vielen gleich… ständigen Stimmungsbeschwerden der lettischen Bevölkerung.

In E s t l a n d  ist die allgemeine Stimmungslage weitaus deutschfreundlicher und positiver. Hier hat auch z.B. die Wintersachen-Sammelaktion den grössten Widerhall gefunden, wie überhaupt in Estland noch fast überall der innere Wille, den Deutschen auf allen Gebieten zu helfen, hervortritt. Überrascht hat das überaus bescheidene Ergebnis der Werbungen für den Reichsarbeitsdienst. Dies ist aber wahrscheinlich auf den grossen Mangel an Arbeitskräften, insbesondere in der Landwirtschaft, und die starke Beteiligung der estnischen Jugend bei der Aufstellung der Schutzmannschaften zurückzuführen.

Die Lebensmittelversorgung in Estland, das nur die grössere Stadt Reval und einige kleinere Städte hat, ist nicht wesentlich besser als in den anderen Ländern.

Zweifellos ist die L… auch darauf zurückzuführen, dass die deutsche Verwaltung den […] ..schtigt behandelt und in ihren […] und ihrer Propaganda geschickter ist als in den anderen Ländern.

In W e i ß r u t h e n i e n  war die Stimmung der Bevölkerung während der Wehrmachtsverwaltung grundsätzlich […] ausgeprägten politischen Wünsche traten nicht in Erscheinung. Die Tatsache, dass Deutschland ein völkischen Unterschied zwischen Weissruthenen und Russen macht, wurde zumindest bei den intelligenteren Schichten

Schnell begriffen und begrüsst. Von der Zivilverwaltung wurde erwartet, dass sie alsbald durch Verlautbarung oder wenigstens durch ihre Massnahmen erkennen liesse, wie die zukünftige Gestaltung des weissruthenischen Raumes erfolgen soll. Die Tatsache, dass zweifellos eine klare Zielsetzung in den Verwaltungsmassnahmen fehlte, hat die Bevölkerung erkannt. Sie hat auch Gelegenheit gehabt, die Uneinigkeit innerhalb der deutschen Verwaltungsdienststellen zu sehen und daher im Laufe der Zeit stimmungsmässig in negativem Sinne reagiert.

Ein Versuch weissruthenischer Kreise, einen landeseigenen Generalrat zur Unterstützung des Generalkommissars zu schaffen, der seitens des Generalkommissars überhaupt nicht in Erwägung gezogen wurde, ist in der Bevölkerung ziemlich weit bekannt geworden und hat […] geführt.

Für die Landbevölkerung ist stimmungsmässig die Frage der künftigen Agrarverfassung entscheiden, die bisher nicht geklärt ist.

Versuche der Zivilverwaltung, die Weissruthenen für bestimmte politische Parolen zu begeistern, haben keinerlei Resonanz gefunden. Gegenpropaganda findet immer starke Aufnahme, wenn auch aktiver Widerstand ausserordentlich gering ist.

Im ganzen gesehen muss die Stimmung in Weissruthenien als schlecht und resigniert bezeichnet werden.

In den Operationsgebieten der 16. Und 18. Armee wird die Stimmung fast ausschliesslich durch die Kampflage und die Lebensmittelversorgung beeinflusst. Der Winter mit den Versorgungsschwierigkeiten und der Stillstand und teilweise Rückgang der Front hat eine Verschlechterung der Stimmung der anfangs ziemlich aufgeschlossenen Bevölkerung mit sich gebracht.

Die im unmittelbaren Kampfgebiet herrschende katastrophale Ernährungslage hat teilweise zu Kannibalismus unter der Bevölkerung und zu einem dauernden Wandern der Einheimischen geführt. Die Strassen hinter den Kampfgebieten zeigen ununterbrochene Züge von Menschen, Pferden und Handschlitten, die in alle Richtungen wandern.

Das Interessen der Menschen geht im Allgemeinen über die Frage ihres täglichen Brotes nicht hinaus.

2.) Politik und Verwaltung

Als am 1. September 1941 das Reichskommissar für das Ostland die Verwaltung Lettlands und am 5. Dezember 1941 auch Estlands übernahm, erwartete die gesamte Bevölkerung dieser Gebiete binnen kurzem eine öffentliche Festlegung der deutschen Stellen über die zukünftige einzuschlagenden Wege in Politik und der Verwaltung und über die Verwaltungsform der

übernommenen Gebiete. Eine solche Bekanntgabe ist bis heute nicht erfolgt. Der Reichskommissar und die Generalkommissare haben sich mit Presseaufrufen der Bevölkerung angekündigt und ihre Herrschaft ohne wesentliche propagandistische Unterstützung angetreten.

Die Bevölkerung der besetzten Gebiete erwartete von der deutschen Zivilverwaltung vor allen dingen eine Abschaffung aller bolschewistischen politischen und wirtschaftlichen Einrichtungen, die die persönliche Freiheit und die persönliche Initiative einschränkten. Sie waren sich sicherlich, von geringen Ausnahmen abgesehen, darüber klar, dass ein Wiedererstehen ihrer staatlichen Selbstständigkeit in ähnlicher Form, wie sie vor der bolschewistischen Zeit bestand, nicht erfolgen würde.

Die Begeisterung und Freude über die Befreiung vom Bolschewismus war allgemein. In jedem Generalkommissariat standen deutschfreundliche, an sich national denkende, aber unbedingt positive Kräfte in genügender Anzahl zur Mitarbeit am Aufbau und vor allen Dingen an der erforderlichen Kriegsarbeit zur Verfügung.   Von diesen einheimischen Kräften wurden nur geringfügig Gebrauch gemacht. Ohne dass die deutsche Verwaltung einheitliche Richtlinien und Zielsetzungen hatte – in Gesprächen mit den Angehörigen der deutschen Zivilverwaltung kam dies immer wieder klar zum Vorschein – hat sie die Regierung und die Verwaltung der besetzten Länder übernommen und allmählich, mit inneren Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten

Kämpfend, versucht, auf allen Gebieten der Politik und der Verwaltung ohne wesentliche Mitarbeit der zur Verfügung stehenden einheimischen Institutionen und Einrichtungen auszukommen. Die Generalkommissare und ihre Dienststellen arbeiteten nach verschiedenen Methoden und dementsprechend auch mit verschiedenen Erfolgen

Die zur Zeit stattfindenden Verhandlungen bei den Dienststellen des Reichskommissars über die Verwaltungsform haben auch heute noch nicht zu einer Einigung geführt. Während einzelne Verwaltungsstellen die weitgehende Beteiligung landeseigener Behörden an der Verwaltung vorschlagen, sind andere, insbesondere Wirtschaftsstellen der Ansicht, dass die gesamte Verwaltung unter allen Umständen in deutschen Händen bleiben muss.

Über die Frage der Eindeutschung bestimmter Teile der Bevölkerung und vor allen Dingen über die Methoden dieser Eindeutschung besteht mit einer […] keinerlei Klarheit. Die Ausnahme bildet der Leiter der estnischen inneren Verwaltung, der ein klares, der Öffentlichkeit zunächst unbekanntes, aber mit geschickter Propaganda eingeleitetes Eindeutschungsprogramm verfolgt.

Zur Beurteilung der Möglichkeiten bei einer Beteiligung der einheimischen Verwaltung kann folgendes Beispiel aus der Wirtschaft dienen:

Die Heeresgruppe Nord hat im November von der deutschen Wirtschaftsverwaltung in Estland die Herstellung von Filzüberschuhen, für die Fabriken, Rohstoffe und Arbeitskräfte zur Verfügung standen, verlang. Die deutschen

Wirtschaftsdienststellen lieferten im Monat November etwa 5.000 Paar. Da diese Anlieferung für die Heeresgruppe zu gering war, wurde versucht, die estnische landeseigene Verwaltung mit einzuschalten. Dieser gelang es, eine Produktion von täglich annähernd 2.000 derartiger Filzschuhe zu erreichen und diese Produktion abzuliefern.

Irgend eine Popularität hat sich die deutsche Verwaltung des Reichskommissariats im Gegensatz zu der Wehrmacht nicht erworben. Heute noch wird von einzelnen Truppenführern der Wehrmacht, die bei der Besetzung Lettlands besonders hervorgetreten sind, mit Anerkennung und Verehrung gesprochen. Dass z.B. die Dienststellen der deutschen Zivilverwaltung in Riga – […] –  nach 16 Uhr und Mittwoch Nachmittag nicht arbeiten, wird weder von den Einheimischen noch von anderen deutschen Dienststellen verstanden und steht im Widerspruch zu der Propaganda-Aufforderung  auf restlosen Arbeitseinsatz für den Krieg.

Die Deutsche Zivilverwaltung hat im gesamten Reichskommissariat eine Fülle von Anordnungen auf allen Gebieten erlassen, deren Durchführung erst allmählich durchbesetzt werden muss. Nicht immer sind die Generalkommissare mit den Anordnungen des Reichskommissars einverstanden. Diese Tatsache bleibt auch der Bevölkerung nicht verborgen.

Die in deutschen Verwaltungsdienststellen eingesetzten reichsdeutschen, insbesondere in den unteren Stellungen, haben meistens eine zielklare Ausrichtung nicht erfahren müssen

Nach persönlichen Anschauungen entscheiden. In einzelnen Fällen bringen sie die notwendigen geistigen und moralischen Qualitäten für ihr Amt nicht mit und sind einheimischen Verhandlungspartnern in jeder Beziehung unterlegen. Mit Ausnahme von Estland besteht eine intensive, reibungslose und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der deutschen Zivilverwaltung und landeseigenen amtlichen oder privaten Stellen nicht.

In L i t a u e n  sind, nachdem im Juli vorigen Jahres die provisorischen Regierungen abgesetzt wurden und ein längeres Verwaltungsdurcheinander bestand, Generalräte und Gebietsräte eingesetzt worden, ohne dass deren Zuständigkeiten klar festgelegt wurde. In den meisten Fällen bestand ihre Arbeit daraus, deutsche Anordnungen zu übersetzen und für ihre Bekanntgabe zu sorgen. Einsprüche und Verbesserungsvorschläge wurden grundsätzlich nicht angenommen. Erst in allerletzter Zeit bestand die Möglichkeit, deutsche Anordnungen in der Presse propagandistisch vorzubereiten bzw. ihre Durchführung zu unterstützen.

Die deutsche Verwaltung selbst klagt darüber, dass Anordnungen des Reichskommissariats aus  einer Notwendigkeit, die sich für bestimmte Gebiete ergibt, geschaffen und dann auch gleich für das gesamte Reichskommissariat erlassen werden.

Im Dezember 1941 ist die völlige Auflösung der Aktivisten- und Nationalisten-Partei in Litauen erfolgt. Die Nationalisten-Partei nahm für sich in Anspruch, dass sie, hervorgegangen aus der Organisation „Der Eiserne Wolf“, sich schon seit Jahren für ein Zusammengehen mit Deutschland eingesetzt hätte und insgesamt die Widerstandsbewegung gegen den Bolschewismus, die nachher zu bewaffneten Aufständen und Partisanenkämpfen geführt hat, organisiert und geführt hätte. Sie hat dabei jedoch stets eigenstaatliche Interessen verfolgt und auch nach der Besetzung durch Deutschland diese durchzusetzen versucht.

Irgendwelche landeseigene politischen Organe gibt es danach in Litauen nicht mehr.

In L e t t l a n d  wurde von dem Teil der Bevölkerung, der sich für die politische Entwicklung interessierte, die Einführung einer lettischen Selbstverwaltung in irgend einer Form sehnlichst erwartet. Diese Erwartungen sind auch heute noch nicht ganz verschwunden. Tatsächlich besteht eine lettische Selbstverwaltung in Form beratender Dienststellen, die in bestimmte Fachrichtungen aufgeteilt sind und „Generaldirektorien“ heissen. Der Einfluss und die Tätigkeit sind verschieden, Auf wirtschaftlichem Gebiet sind sie fast völlig ausgeschalten, in der inneren Verwaltung

Personalpolitik üben sie eine beratende Rolle aus. Entscheidend sind sie nur auf dem Gebiete der lettischen Justiz und der lettischen Kultur tätig. Der Generaldirektor für die innere Verwaltung, General D a n k e r s , war ursprünglich vom Ostministerium als erster Vertrauensmann für den Generalkommissar vorgesehen. Er hat sich jedoch nicht gegen den ehemaligen lettischen Finanzminister V a l d m a n i s  durchgesetzt, der tatsächlich zur Zeit der einflussreichste Lette bei der deutschen Verwaltung sein dürfte. Dankers hat seine Opposition gegen Valdmanis inzwischen aufgegeben und auf Verlangen des Generalkommissars einen teil seiner bisherigen Mitarbeiter ausgewechselt.

Die in den letzten Wochen stärker zu spürende Heranziehung von Valdmanis und Dankers durch Generalkommissar ist zweifellos auf die guten Erfahrungen zurückzuführen, die in Estland mit der estnischen Selbstverwaltung unter Dr. Mae gemacht worden sind.

Valdmanis ist eine weiterhin bekannte Persönlichkeit und gilt als klug und geschickt, aber egoistisch und wird insbesondere von allen deutschfreundlichen Kreisen abgelehnt.

In den ersten Monaten ..ch der Besetzung Lettlands durch deutsche Truppen spielte die Pekonkrust-(… Bewegung eine politische Rolle und versucht, sich zu organisiere… . Die Deutsche Militärverwaltung unterstützte damals die Absichten der Sicherheitspolizei, geeignete aktive deutschfreundliche Kräfte aus der Perkonkrustbewegung in den […] ohne dabei die Bewegung selbst zu fördern bzw. sich organisatorisch sammeln zu lassen. Seitdem Valdmanis, der ein alter Feind der Perkonkrust-Bewegung ist, Einfluss beim Generalkommissar gewonnen hat, sind die meisten Perkonkrustanhänger, die in Verwaltung und Wirtschaft mitarbeiteten, in andere Stellen versetzt worden.

Die politische Arbeit der Gebietskommissare ist verschieden. Soweit sie nicht an Weisungen des Generalkommissars oder an Verordnungen gebunden sind, richten sie ihre Arbeit nach eigenem ermessen ein. Anklang in der Bevölkerung hat wider Ewarten am meisten der Gebietskommissar von Mitau, v. M e d e m, gefunden, trotzdem er ursprünglich als bekannter Baltendeutscher abgelehnt wurde.

In E s t k a n d  hat das ungewöhnlich geschickte und […] Verhalten des Generalkommissars die allgemeine Entwicklung sehr gefördert. Sein Entgegenkommen gegenüber dem estnischen nationalen Selbstbewusstsein, gepaart mit einer sicheren und straffen Regierung, hat ihm das Vertrauen der Esten eingebracht. Da er der von Dr. M a e geleiteten estnischen Selbstverwaltung die Durchführung einer Anordnung überlässt, und diese seine Massnahmen propagandistisch vorbereitet, entstehen verhältnismässig wenig Reibungen. Das gleiche ist bei den Gebietskommissaren in Estland allgemein fest zustellen. Die Zusammenarbeit zwischen Generalkommissar, Gebietskommissaren und Sicherheitspolizei ist gut.

Die Versuche des Generalkommissars, durch persönliche Besuche von Fabriken und Ansprachen an die Arbeiter auch persönlich Fühlung zu der Bevölkerung zu haben, werden anerkannt und fördern die Popularität des Generalkommissars.

Die Mitarbeiter der deutschen Verwaltung bestehen im Generalkommissariats Estlands überwiegend aus SA-Führern, die sich im allgemeinen größte Mühe geben, sich mit den Verhältnissen vertraut zu machen und das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Sie werden vom Generalkommissar straff geführt.

Die estnische Selbstverwaltung arbeitet unermüdlich mit dem Ziele des Wiederaufbaus des Landes und der Einführung geregelter Verhältnisse. Ihr Leiter, Dr. M a e , verfolgt mit seinen engsten Mitarbeitern ein klares, auf 20 Jahre berechnetes Eindeutschungsprogramm, das der Öffentlichkeit natürlich nicht bekannt ist.

Konflikte zwischen deutschen und estnischen Verwaltungsstellen entstehen meistens aus folgenden Gründen:

  1. bei fachlicher Überlegenheit eines estnischen Sachbearbeiters gegenüber seinem deutschen Vorgesetzten.
  2. Bei wirtschaftlichen Forderungen an die Esten, die weniger politischer als kapitalistischer Natur sind (z.B. versuchte Übernahme des gesamten estnischen Handels durch 10 reichsdeutsche Grosshandelsgesellschaften)
  3. Bei psychologischen Fehlern deutscher Amtsträge in der Behandlung der Esten.

In W e i ß r u t h e n i e n  ist die Zivilverwaltung mit der Absicht eingezogen, die gesamte Verwaltung des Landes restlos in deutsche Hände zu übernehmen und insbesondere die Wehrmachtsverwaltung möglichst schnell überflüssig zu machen. Die von der Wehrmachtsverwaltung geleistete Vorarbeit wurde übersehen, und es bildete sich bald ein äusserst gespanntes Verhältnis zwischen Zivilverwaltung und Wehrmacht, das inzwischen zum Abbruch fast aller Beziehungen geführt hat. Bei beiden Lagern wurde laufend belastendes Material gegen die andere Seite gesammelt.

Trotz des grossen Eifers, mit dem die Zivilverwaltung an die Arbeit ging, war sie den Aufgaben einer totalen Führung der Verwaltung schon deshalb nicht gewachsen, weil sie garnicht über genügend Personal insbesondere bei dem Gebietskommissaren, verfügt. Abgesehen davon war das vorhandene Personal mit den Verhältnissen nicht vertraut und nahm Belehrungen anderer Dienststellen, der Wehrmacht oder der Sicherheitspolizei nicht an. Bis heute ist weder eine Grundlinie zur Behandlung der in Weißruthenien schwebenden Probleme noch eine Klarheit über die Verwaltungsform vorhanden. Zersplitterung der einzelnen Arbeitsvorgänge, sich widersprechende Anordnungen wirkten lähmen auf die Verwaltungsarbeit.

Die Stellung der deutschen Amtsträger zu den Weißruthenen ist auffallend verschieden und geht von der herzlichen Freundschaft bis zur taktlosesten Ablehnung. Einzig in

Der Behandlung einzelner kultureller Fragen, wie Volkspflege, Schule, Theater und Kirche hat sich allmählich eine einheitliche politische Richtlinie herausgeschält. Der Vorschlag der Ernennung eines weißruthenischen Generalrates ist vom Generalkommissar nicht in Erwägung gezogen worden.

3.) Propaganda

Beim Reichskommissariat und bei den Generalkommissariaten besteht seit Beginn ihrer Tätigkeit besondere Propagandaabteilungen. Die Wichtigkeit einer gut durchgeführten geschickten und psychologisch richtigen Propaganda, insbesondere in den baltischen Randstaaten, ist von allen Stellen erkannt worden. Wenn auch mit einer gewissen Anlaufzeit gerechnet werden musste, ist die bisher geleistete Propagandaarbeit und vor allem der Erfolg der Propaganda recht spärlich.

Das Fehlen einer organisierten Zusammenarbeit der deutschen Dienststellen macht sich hier besonders dadurch bemerkbar, dass Verordnungen wichtigster Art von stimmungsbeeinflussender Wirkung ohne jeden Kommentar oder aber mit politisch völlig falschem Kommentar (z.B. Rundfunkverordnung) erlassen werden, und die zuständigen Propagandastellen keine Möglichkeit bekommen, sie propagandistisch vorzubereiten oder nachträglich zu behandeln. Dies trifft insbesondere für Wirtschaftsverordnungen aller Art zu.

Heute noch stellt die Bevölkerung jedem Deutschen, mit dem sie in Berührung kommt, immer wieder Fragen grundsätzlicher Natur, über die sie nicht orientiert ist. In der Durchschnittsbevölkerung fehlt vollkommen die Grundlage einer politischen und weltanschaulichen Aufklärung, wie sie im Deutschen Reich schon seit Jahren vorhanden ist. In der bolschewistischen Zeit gab es nur die unerhört starke und suggestive bolschewistische Propaganda und vorher die jüdisch beeinflusste anglophile und demokratische Regierungspropaganda. Der Hunger der einheimischen Bevölkerung nach politischer Aufklärung ist sehr gross. Dies beweisen die Auflageziffern der Zeitschriften und der Besuch der wenigen Propagandaveranstaltungen.

Die Mängel der deutschen Propaganda, die den zuständigen Dienststellen wiederholt benannt und dort auch erkannt worden sind, werden allmählich geringer. Einer der größten Mängel besteht darin, dass zwar die deutschsprachige Zeitungen ausgezeichnet und anerkannt sind, dass aber Zeitungen in der Landessprache noch sehr zu wünschen übrig lassen und zu wenig unterstützt werden. Solange der grösste Teil der Bevölkerung die deutsche Sprache nicht beherrscht, kann eine propagandistische Beeinflussung nur in der Landessprache erfolgen. Das gleiche gilt für den Rundfunk, Propagandavorträge und dergleichen.

Der Wert der Aufklärung durch den einzelnen Deutschen, insbesondere Wehrmachtsnagehörigen, ist in politischen Tagesfragen, die die Einheimischen besonders interessiert, gering, weil die Reichsdeutschen selbst nicht informiert sind und z.Tl. völlig unrichtige und auch unvorsichtige Auskünfte geben. Eine Steuerung der Propaganda ist bisher nicht geschehen. Unbedingt notwendig erscheint die Herausgabe von Aufklärungsschriften, Büchern und Brotschüren über das Leben des Führers, die Partei, die Geschichte des Nationalsozialismus usw. Im Hinblick auf das, was der Bolschewismus in seiner einjährigen Herrschaftszeit in den baltischen Ländern an Propaganda über seine Ideologie und seine führenden Männer herausgegeben hat, sind die deutschen Anstrengungen […] kümmerlich.

Zu den Rundfunksendungen in den Landessprachen, die natürlich wegen der Bedürfnisse der Front gering sind, fehlen geschickte Kommentare zu den Verordnungen der Zivilverwaltung und volkstümliche Vorträge über politische Gebiete, gegen allgemein verbreitete Falschmeldungen und Gerüchte usw., ähnlich etwa der Zeitungs- und rundfunkschau der deutschen Sender.

Auch die im Reichskommissariat Ostland gezeigten ….filme lassen zum Teil noch sehr zu wünschen übrig. Abgesehen davon, dass z.Tl. […] Ladenhüter aus dem Reich vorgeführt werden, fehlen Filme mit nationalsozialistischer Tendenz und die im Reich vorhandenen Filme über die Geschichte des Dritten Reichs. Die Wochenschauen, die im Ostland gezeigt werden, sind gewöhnlich zwei bis sechs Wochen alt und z.Tl. dadurch nicht mehr aktuell. Wenn auch die Bilder von der Front trotzdem gern gesehen werden, so erwecken die Bilder von lange zurückliegenden anderen Ereignissen, wie Staatsbesuchen usw., keinen Widerhall.

Es muss noch erwähnt werden, dass die in Lettland erscheinende meistgelesenste Zeitung in lettischer Sprache „Tovija“ heute noch einen riesigen Inseratenteil, z.Tl. noch Privatinserate zweideutigster Art, enthält, die selbst von der lettischen Bevölkerung abgelehnt werden. In lettischen Kreisen geht das (ungeprüfte) weit verbreitete Gerücht, dass die Zeitungen zu Gunsten deutscher Stellen finanzielle Überschüsse abwerfen müsse. Das gleiche wird für die von dem Letten Freimanis herangezogene Zeitschrift „Iaikmets“ behauptet, die allerdings inhaltlich wie in der Aufmachung ausgesprochen gut ist, in einer wöchentlichen Auflage von 60.000 – 100.000 Exemplaren innerhalb weniger Stunden abgesetzt wird und ein gutes Propagandamittel darstellt.

Beim Generalkommissar Lettland wird die Schaffung eines Propagandaringes nach dem Muster der Gaupropagandaringe geplant. Im ring sollen auch lettische Dienststellen und Organisationen vertreten sein. Es ist anzunehmen, dass in nächster Zeit auch in den anderen Generalkommissariaten mehr für die politische Propaganda getan wird.

4.) Kulturelle Gebiete.

  1. a) Hochschulen

Das gesamte Hochschulwesen im Gebiet des Reichskommissariats Ostland wird durch einen grundlegenden Erlass des Reichsministers für die besetzten Ostgebiete bestimmt. Dieser Erlass geht davon aus, dass die vorhanden gewesenen Hochschulen während der bolschewistischen Zwischenzeit aufgehört haben zu bestehen. Um auf lebenswichtigen Gebieten keinen Ausfall an Nachwuchs zu haben, ist jedoch die Eröffnung bestimmter Fakultäten vorgesehen. In Betracht kommen die medizinischen, die tierärztlichen, landwirtschaftlichen, forstwirtschaftlichen und technischen Fakultäten und die entsprechenden Fachhochschulen. Für später sind folgende deutsche Hochschulen im Reichskommissariat Ostland vorgesehen.

Reichsuniversität in Dorpat

Technische Hochschule in Riga

Landwirtschaftliche Hochschule in Kauen nebst Veterinärakademie.

Da der Erlass des Reichsministers erst bekannt wurde, als die Lehrtätigkeit an den Hochschulen des Reichskommissariats wenigstens für die Examenssemester bereits voll aufgenommen war, ist das Inkrafttreten des ministeriellen Erlasses vom Reichskommissar zum nächsten Semester vorgesehen. Ob aber der übergrosse Bedarf an Nachwuchs die

Durchführung des ministeriellen Erlasses schon im nächsten Semester möglich machen wird, lässt sich im Augenblick noch nicht übersehen. Zur Zeit ist jedenfalls der Lehrbetrieb an den vorhanden gewesenen Hochschulen, wenigstens für die Examenssemester, voll im Gange. Eine Ausnahme bilden lediglich die theologischen Fakultäten, denen jede Lehrtätigkeit untersagt worden ist.

Kommunistische und deutschfeindliche Elemente sind aus dem Lehrkörper, der Verwaltung und der Studentenschaft entfernt worden.

Im Generalbezirk L i t a u e n  sind zur Zeit folgende Hochschulen geöffnet:

  1. Universität Wilna
  2. Universität Kauen
  3. Landwirtschaftliche Akademie in Dotnuva
  4. Tierärztliche Akademie in Kauen
  5. Handelsinstitut in Siauliei
  6. Pädagogisches Insitut in Wilna
  7. Kunstakademie in Wilna
  8. Konservatorium in Kauen

Die Zahl der Studierenden an den einzelnen Hochschulen ist fast normal. Eine Ausnahme bildet lediglich die Universität Wilna. Zeitlich bedingte Transport- und Ernährungsschwierigkeiten haben die Zahl der Studierenden an der Universität Wilna verringert.

Im einzelnen weisen die genannten Hochschulen, mit Ausnahme der Landwirtschaftlichen Akademie in Dotnuva und der Tierärztlichen Akademie in Kauen, für die genannte Zahlen nicht vorhanden sind, folgende Hörerzahlen auf:

Hochschule Männer Frauen insges

Universität Wilna 502 276 778

Universität Kauen 1097 523 1620

Handelsinstitut 181 65 246

Siauliei

Pädagogisches Instit. 109 96 205

Wilna

Kunstakademie Wilna 52 30 82

Konservatorium Wilna 174 120 294

Gesamthöherzahl oben

genannter Hochschulen 2115 1110 3225

Die in der Zeit des Sowjetregimes eingeführten Anordnungen in den einzelnen Hochschulen sind aufgehoben worden, die Hochschulen arbeiten nach ihren alten Satzungen, die entsprechend den derzeitigen Verhältnissen berichtigt und ergänzt worden sind.

Im Generalbezirk L e t t l a n d  sind im Augenblick die Universität Riga und die Landwirtschaftliche Akademie in Mitau geöffnet.

An der Universität Riga wird die Lehrtätigkeit in der medizinischen, zahnmedizinischen, veterinärmedizinischen, mechanischen, chemischen, architektonische,

ingenieurswissenschaftlichen und mathematischen Fakultät durchgeführt. Die rechtswissenschaftliche, nationalökonomische, philologische und theologische Fakultät sind geschlossen.

Die Aufnahme der Lehrtätigkeit in den geöffneten Fakultäten fand am 1. Oktober 1941 statt. Augenblicklich studieren an der Universität Riga etwa 4000 Studenten. Etwa 3000 stehen ausserhalb ihres Studiums, da ihre Fakultäten noch geschlossen sind. Auf die Eröffnung der juristischen und volkswirtschaftlichen Fakultät warten etwa 2000 Studenten. Für die philologische Fakultät sind 800 vorhanden.

Aufgrund eines Beschlusses des Universitätsrates vom 1. Juli 1941 sind 149 Lehrkräfte wegen politischer Unzuverlässigkeit und aus sonstigen gründen entlassen worden. Inzwischen ist aber der Lehrkörper durch zuverlässige Lehrkräfte wieder aufgefüllt worden. Er umfa0t zur Zeit 327 Professoren, Dozenten und wissenschaftliche Hilfskräfte. Die Zahl der Professoren beläuft sich auf 72, die der Dozenten einschliesslich der Privatdozenten auf 65, die der Lektoren auf 7 und die der wissenschaftlichen Hilfskräfte auf 183.

In Generalbezirk E s t l a n d  hat die Technische Hochschule Reval ihren Lehrbetrieb am 26.1.42 wieder aufgenommen. An der Universität Dorpat ist der Hochschulbetrieb seit dem 29.1.42 wieder im Gange. An beiden Hochschulen ging der

Wiederaufnahme des Lehrbetriebes eine kurze Feier voraus, der Vertreter der deutschen Zivilverwaltung und der estnischen Selbstverwaltung beiwohnten.

Die Universität Dorpat hat den Hochschulbetrieb nur mit der medizinischen, tierärztlichen und landwirtschaftlichen Fakultät wieder aufgenommen.

Für die Neuimmatrikulierung von Studenten an beiden Hochschulen ist ein numerus clausus festgesetzt worden. Danach darf die Zahl der Studierenden an der Universität Dorpat für die genannten Fakultäten nur 250 und an der Technischen Hochschule Reval nur 100 Studenten betragen.

Aus dem Lehrkörper der Universität Dorpat sind aus politischen Gründen 24 Professoren und Dozenten und 15 wissenschaftliche Hilfskräfte, und aus sachlichen Gründen 3 Dozenten und 89 wissenschaftliche Hilfskräfte ausgeschieden.

Die infolge Schliessung einzelner Fakultäten ohne Lehrauftrag gebliebenen Professoren, sollen anderweitig untergebracht werden. Neben übertragenen Forschungsarbeiten sollen vor allem die Professoren der geschlossenen philosophischen Fakultäten die Leitung von deutschen und weißruthenischen Sprachkursen übernehmen. Sie treten damit in die eröffneten Fakultäten über.

In W e i ß r u t h e n i e n  und im altrussischen Gebiet ruht zur Zeit das gesamte Hochschulleben vollkommen.

  1. b) Schulwesen

Der Schulbesuch, namentlich in Volksschulen auf dem Lande wird in der augenblicklichen Jahreszeit erschwert, durch den Mangel an warmer Kleidung und tauglichem Schuhwerk, ebenso durch den mancherorts mehrere Kilometer betragenden Schulweg,

Hinzu kommt, dass in den von Kriegshandlungen betroffenen Gebieten die Schulgebäude vielfach völlig zerstört sind, in anderen Gegenden wieder werden die Schulhäuser für militärische Zwecke benötigt.

Diese zwangsläufigen Einschränkungen des Schulbetriebs bergen Gefahren für die schulpflichtige Jugend in sich. Die Jugend verwahrlost und sie gewöhnt sich daran, den Tag mit Nichtstun zu verbringen. Im Interesse der Erziehung der Jugend ist die Aufnahme eines geordneten Schulbetriebs dringend.

Es besteht grosser Mangel an geeigneten Lehrkräften und Lehrbüchern. Viele Lehrer sind verschleppt worden. Die jüngere Lehrerschaft ist fast ausschliesslich bolschewistisch orientiert gewesen. Die ist mit dem Abzug der Russen geflohen. Den älteren Lehrern geht die Fähigkeit ab, sich in die veränderten Verhältnisse einzufinden und den Schülern ein Bild von der Gegenwart zu vermitteln.

Die vorhandenen Lehrmittel stammen zum größten Teil aus der Sowjetzeit. Sie sind daher unbrauchbar.

Im Bereich des Generalbezirks Litauen ist in besonders gefährdeten Gebieten der gesamte Schulbetrieb, um ein Ausbreiten der erhöhten Fleckfiebergefahr zu verhindern, beschlossen worden. Der Zeitpunkt der Wiederaufnahme des Schulunterrichts ist noch ungewiss.

Der vorhandene Lehrermangel macht sich hier ganz besonders bemerkbar. Nach amtlichen Feststellungen sind etwa 1500 Lehrer aus Litauen von den Bolschewisten verschleppt worden. Um diesen Lehrermangel zu beheben, ist die Errichtung deutscher Schulen dringend.

Das mittlere-. höhere- und Fachschulwesen ist gut durchgebildet, sodass die Gewähr für ein ordnungsmässig ausgebildeten Nachwuchs für die Hochschulen und Fachberufe gegeben ist.

Es bestanden 23 Handwerksschulen mit 3.719 Schülern. An Handelsschulen gab es 4, in denen 1.758 Schüler unterrichtet wurden. An technischen Schulen waren zwei mit 1.111 Schülern vorhanden.

Im Generalbezirk L e t t l a n d ist der Schulbetrieb an allen Schulen – bis auf die polnischen – wieder aufgenommen worden. Die Wiedereröffnung der russischen und weissruthenischen Schulen wurde von den Letten mit Entrüstung aufgenommen. Sie muss aber unbedingt befürwortet werden, da sonst entweder die russischen Kinder ohne Schulbildung heranwachsen oder in lettischen Schulen einer Lettisierung ausgesetzt sein würden. Die russischen Schulen bilden zudem auch ein wirksames Gegengewicht gegen die nationalen Bestrebungen der Letten.

Mit der feierlichen Eröffnung der Grund- und Fachschulen des Generalbezirks Estland am 1.11.41 ist der grösste Teil der Jugend, der durch die Entwicklung des letzten halben Jahres bereits in zu starkem Masse sich selbst überlassen war, wieder in einen geregelten Lehrbetrieb zurückgeführt.

Die schulische Arbeit ist erschwert durch die schwierige soziale Lage der meisten Schüler. Ein kürzlich gewährter Kredit des Bildungsdirektoriums an die Schulverwaltungen hat bis jetzt auf diesem Gebiet noch keine fühlbare Abhilfe schaffen könne.

In den älteren Schülerkreisen macht sich die in den letzten Jahren besonders Stark ausgeprägte „englische Richtung“ der Schulen noch bemerkbar.

W e i ß r u t h e n i e n. Die Lage auf dem Gebiet des Schulwesens ist in den weißruthenischen Gebieten des ehemaligen Ostpolens vollkommen anders als in Ostweißruthenien, dem ehemaligen altsowjetischen Bereich. Während sich westlich der alten Sowjetgrenze die Zivilverwaltung bei der Wideraufnahme des Unterrichts des alten Lehrerbestandes und der Schulgebäude in grossem Masse bedienen konnte, ist das für das Gebiet ostwärts dieser Grenze nicht der Fall. Sie musste dort in Kauf nehmen, dass grössere Kontingente polnischer Lehrer zum Einsatz kommen. Selbstverständlich bleibt es das Bestreben der Zivilverwaltung, diese polnischen Lehrer durch weissruthenische zu ersetzen. Die Erreichung dieses Zieles ist aber noch sehr fern. Es war fraglich, ob bei dieser Sachlage nicht auf die Eröffnung der Schulen hätte verzichtet werden müssen.

Etwa 50 bis 60 % der Lehrerschaft – es stellten sich rund 11.000 Lehrer für 3.000.000 Schüler zur Verfügung – dürften politisch ungefährlich sein. Über die andere Hälfte kann ein einigermassen sicheres Urteil nicht abgegeben werden.

Inspektionen haben ergeben, dass die polnischen Lehrer sich bei der Gestaltung der Unterrichtspläne und des Unterrichts nicht an die ihnen vom Generalkommissariat gegebenen Weisungen halten. Es wird auf die weißruthenischen Kinder ein Terror ausgeübt, der im Hinblick auf die Auswirkungen oft erschütternd ist. Die Kinder wagen nicht zu erzählen, dass im Elternhaus weißruthenisch gesprochen wird. Auf die Frage: „Was bist Du?“, antworten die Kinder stereotyp: Pole. Nach diesen Erfahrungen muss das Ausscheiden aller polnischen Lehrer alsbald verlangt werden.

Von einer allgemeinen Wiederaufnahme des Schulbetriebes kann noch keine Rede sein. In den Gebieten, die durch die augenblicklichen militärischen Operationen betroffen werden, ruht naturgemäss das Schulleben vollkommen.

Die Stimmung in den Lehrerkreisen litt gleich nach Beginn der schulischen Arbeit durch zwei Nöte. Einmal war die Bezahlung nur ungemein niedrig. Kein Lehrer, ganz gleich welcher Fachrichtung, durfte mehr als 500 Rubel erhalten. Aber auch das konnte in zahlreichen Gemeinden nicht bezahlt werden, da teilweise schon zwei Monate kein Bargeld vorhanden war. Es ist vorgekommen, dass Lehrer bei ihren Schülern um Nahrungsmittel betteln mussten. zum anderen leidet die Lehrerschaft unter starkem Wohnungsmangel. Besonders katastrophal ist die Lage der Lehrerschaft in Minsk. Lehrer sind buchstäblich vor Ermüdung und Hunger im Unterricht zusammengebrochen.

Seite fehlt vermutlich

Jugendlicher befassten. Sie wurden von den ehemaligen Regierungen je nach der politischen Einstellung gefördert und finanziell unterstützt. Die kommunistischen Jugendorganisationen der UdSSR, als Abkürzung „Konsomolzen“ genannt, waren selbstständige Gliederungen der Kommunistischen Partei und Teile der kommunistischen Jugendinternationale.

Mit der Eroberung der dem Reichskommissariat Ostland unterstehenden Gebiete kam diese Jugendarbeit zum erliegen.  

Aus der Erkenntnis heraus, dass die Jugend zum deutschen Wesen und zum Grossdeutschenen Reich erzogen werden muss, hat der Reichskommissar für das Ostland Richtlinien für die Jugendarbeit im Ostland aufgestellt. Es ist dabei an eine direkte Jugendführung durch eine neu zu gründende Organisation gedacht, als deren Aufgabe und Programm gilt: körperliche und geistige Ertüchtigung der J-ugend im Sinne einer nationalsozialistischen Weltanschauung unter Berücksichtigung der volklichen Eigenart. Die „Richtlinien“ sehen bezüglich der Gliederung und Führung vor, dass sich die Jugend innerhalb eines Kreises selbst durch landeseigene Führer führt. Für das Gebiet selbst soll ein deutscher Jugendführer eingesetzt werden. Die weitere Führung innerhalb der Generalbezirke und innerhalb des Reichskommissariats hat durch die Leiter der Jugendabteilungen der deutschen Verwaltung zu erfolgen.

Gegen diese Art der Führung sind seitens verschiedener Generalkommissare starke Bedenken vorgebracht worden. Es wird von ihnen die Auffassung vertreten, dass es aus Gründen einer Jugendführung, die den Eigenarten des Volkstums gerecht werden soll, nicht erwünscht ist, das die deutschen Jugendführer bis in die unterste Verwaltungseinheit vertreten sind. Es genüge, wenn ein deutscher Jugendführer in der Verwaltung des Generalkommissars (als Referent in der politischen Abteilung) tätig sei, in den unteren Verwaltungseinheiten aber landeseigene Führer wirkten.

Kunst

Auf allen Gebieten des künstlerischen Lebens ist seit der Besetzung der dem Reichskommissariat Ostland angeschlossenen Gebiete durch die deutsche Wehrmacht ein Aufschwung zu verspüren. Eine gewisse Einschränkung gilt für Weißruthenien, während im altsowjetischen Gebiet jedes künstlerische Leben tot ist.

Während bis dahin das gesamte künstlerische Leben unter dem zersetzenden Einfluss der Bolschewisten stand, lebt das künstlerische Schaffen unter Betonung der volkstumsmässigen Eigenheiten neu auf. Ganz besonders gilt das für da Theater und für das Gebiet der bildenden Künste.

Im Theaterwesen war es die erste Aufgabe, das gesamte Theaterpersonal von jüdischen und bolschewistischen Elementen zu säubern. Darüber hinaus galt es, dem Umstande Rechnung zu tragen, dass sich das Theaterpublikum mit dem Einziehen der Verwaltung des rückwärtigen Heeresgebietes und der deutschen Zivilverwaltung zu einem grossen Teil aus Deutschen zusammensetzt. Schliesslich soll das Theater auch dazu dienen, der Bevölkerung der besetzten Gebiete das Verständnis für deutsches Wesen und deutsche Denkungsart durch Oper, Schauspiel oder sonstige Bühnenstücke näher zu bringen. So haben fast alle Theater neben betont nationalen Veranstaltungen auch deutsche Vorstellungen in ihr Programm aufgenommen.

In grösseren Städten, wie Riga, Reval, Kauen, Minsk, u.a. bestehen Soldatentheater und ähnliche Einrichtungen, die im Rahmen der Truppenbetreuung und vor geschlossenem deutschen Publikum ihre Veranstaltungen abhalten.

In Litauen war die Ergreifung bestimmter Vorsichtsmassnahmen zur wirksamen Bekämpfung der bestehenden Fleckfiebergefahr erforderlich. So wurden u.a. auf Anordnung des Generalkommissars in Kauen auch sämtliche Theater und Kinos geschlossen und die Abhaltung ähnlicher Veranstaltungen für die Zivilbevölkerung verboten. Nur die der Unterhaltung und Betreuung der Wehrmacht dienenden Theater, Kinos, Kleinkunstbühnen usw. dürfen ihren Betrieb aufrecht erhalten. Durch die behördlich unumgänglich notwendigen Massnahmen ruht da Leben auf dem Gebiete des Theaters und Films.

Auch jedes sonstige künstlerische Schaffen kann nach aussen nicht in Erscheinung treten.

Lettland. In der Rigaer Oper kamen national-lettische Werke in bunter Reihenfolge mit Opern nicht-lettischer Meister zur Aufführung. Das lettische Element überwog dabei. Die deutschen Bevölkerungskreise schenkten den aufführen der Oper größte Beachtung. So wohnte der Uraufführung der national-lettischen Oper „Banjuta“ von Kalninsch der Generalkommissar bei und gab durch seine Anwesenheit der Uraufführung auch deutscherseits ein besonders Gepräge.

Die Eröffnung des lettischen Volkstheaters hat in lettischen Kulturkreisen Veranlassung zu erregten Meinungsverschiedenheiten gegeben. Die Stellung der Kulturdirektion gegenüber diesem neugegründeten Theater ist absolut ablehnend. Das Theater, das im Rahmen der Institution „Erholung und Lebensfreude“ gegründet wurde, wird von den deutschen Stellen mit Vorrecht behandelt, da es vornehmlich deutsche Bühnenstücke zur Aufführung bringt.

Mitte Januar ist das ehemals lettische Nationaltheater, das bis vor kurzem als Soldatentheater diente, mit der Aufführung des lettischen Bauernstückes „Aus der süssen Flasche“ von Blaumann wieder eröffnet worden. Es führt jetzt den Namen „Lettisches Schauspielhaus“. Die Wiederinbetriebnahme dieses Theaters hat unter der Bevölkerung grosse Freude ausgelöst.

In Libau wird eine Opernbühne und in Mitau ein Theater unterhalten. Beide Häuser erfreuen sich eines regen Zuspruchs seitens der einheimischen und deutschen Bevölkerung.

Film: In den Lichtspielhäusern werden ausschliesslich deutsche Filme gezeigt.

Bildende Kunst. Das deutsche Landesmuseum, das von der deutschen Militärverwaltung im Gebäude es Rigaer Städtischen Museums errichtet worden war, ist vom Generalkommissar wieder aufgelöst worden. Es wurde wieder in ein Kunstmuseum umgewandelt und der Stadt Riga übergeben. Anlässlich der Übergabe wurde eine grosse Kunstaustellung einheimischer Künstler durch den Generalkommissar eröffnet. Das Interesse auch der deutschen Bevölkerungskreise wie der deutschen Behörde für diese Ausstellung ist gross. ebenso werden von der deutschen Zivilbevölkerung private Kunstsalons, die in grosser Zahl vorhanden sind, recht rege besucht.

Estland.

Zwei Revaler Theater, das „Estnische Drama-Theater“ und die Oper der „Estonia“ haben in ihr Programm deutschsprachige Vorstellungen aufgenommen. Das „Arbeitertheater“ zeigt durch Veranstaltungen sog. „Finnisch-Ugrischer Abende“ und durch die Aufführung eines an sich unpolitischen finnischen Schauspiels gewisse „Stammverwandtschafts“-Tendenzen, die aber bei dem sowieso nicht ausschlaggebenden Publikum nur laue Beteiligung finden.

Außer dem Revaler Theater hat das Unterrichtsdirektorium die Provinztheater in Werr o und Wesenberg mit finanziellen Zuwendungen unterstützt. Auch für die übrigen Theater („Wanemuine“ – Dorpat, „Estnisches Theater“ – Narva, „Endla“ – Pernau und „Ugala“ – Fellin“ werden geldliche Unterstützungen aus öffentlichen Mitteln notwendig.

Das Bedürfnis nach guten deutschen Filmen ist in Estland sehr gross. In der Zeit der Zugehörigkeit zur Sowjetunion wurden vornehmlich sowjetische tendenzfilme gezeigt. Selten, dass auch einmal ein Film mit wirklich erstklassigen künstlerischen Eigenschaften vorgeführt wurde. Das Interesse am filmbesuch in Estland wird am besten durch folgende Zahlen verdeutlicht: Seit der Befreiung Estlands fanden in Reval (Stichtag 1.12.41) 740 Filmvorführungen, im übrigen Lande 1.600 statt. Sie wurden von 265.000. bzw. 370.000 Personen besucht.

Mitte Dezember 1941 wurde im Kunstgebäude zu Reval eine Kunstaustellung eröffnet, an welcher sich eine grosse Zahl estnischer Künstler beteiligten. Die Abweichung der estnischen Kunstauffassung von der deutschen bringt es mit sich, dass deutsche Besucher weniger Einkäufe vornehmen.

Durch die vom Konservator des Befehlshabers des rückwärtigen Heeresgebietes Nord eingeleitete Sammelaktion von Gemälden balten-deutscher und älterer Kunstmaler sowieso sonstiger wertvoller Kunstgegenstände stehen

Kunstwerke im Werte von rund einer Million Reichsmark zur Verfügung, von denen die bedeutendsten demnächst durch eine Ausstellung, zum Teil erstmalig, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Weissruthenien.

Minks hatte zur Zeit der Sowjets 5 Theater. Laufend gestierten das „Moskauer Künstler-Theater“ und das „Polnische Theater“. Nach der Einnahme von Minks durch die deutschen Truppen kam das theaterleben bald wieder in Gang. Unter der Aufsicht der deutschen Wehrmacht wurden in Oper und Schauspielhaus gute deutsche und russische Bühnenstücke und Opern aufgeführt. Die Theatersprache war russisch.

Mit der Einführung der deutschen Zivilverwaltung trat eine grundlegende Änderung ein. Auf Betreiben weissruthenischer Kreise wurde ein „Weissruthenisches Theater“ ins Leben gerufen. Unter Beibehaltung des bisherigen Spielplanes und mit den bisherigen Kräften werden jetzt Theatervorstellungen in weißruthenischer Sprache gegeben. Bei der Zivilbevölkerung hat die weissruthenische Linie im Weissruthenischen Theater keine besondere Reaktion ausgelöst. auch das Theaterpersonal macht keine Schwierigkeiten. Es tut, was verlangt wird. Im allgemeinen aber macht man sich über den weissruthenischen Kurs lustig.

Die Abteilung Propaganda des Generalkommissariats plant für das Frühjahr die Wiedereröffnung des ehemaligen „Historischen Museums“. An den Generalkommissar traten zu beginn des Jahres in Minsk verbliebene Künstler mit der Bitte heran, eine Ausstellung durchführen zu dürfen. Das Generalkommissariat verhält sich zunächst ablehnend dagegen. weitere Ansätze zu einem weissruthenischen Kulturleben sind bisher nicht in Erscheinung getreten.

5.) Volkstum

die volkspolitische Lage im  Reichskommissariat Ostland ist nach wie v or schwierig. Auch die Art, wie die deutsche Zivilverwaltung den Völkern gegenübertritt, ist mit Ausnahme von Estland recht uneinheitlich.

In Litauen ist die deutschfeindliche Einstellung der starken polnischen Volksgruppe in Wilnaer Gebiet weiterhin unverändert. Intelligenz und katholische Geistlichkeit hetzen auf jede mögliche Art und Weise. Flugschriften und illegale Zeitschriften in polnischer Sprache tauchen ununterbrochen auf. Die Spannungen zwischen Polen und Litauern haben sich weiterhin verschärft.

In Lettland hat die allgemeine Lage ein erneut gestärktes völkisches Selbstbewusstsein der Letten hervorgerufen. Dies tritt im wesentlichen auf kulturellem Gebiet in Erscheinung, zur Begründung benutzt werden weiterhin die bekannten lettischen Volkstums- und Geschichtsforschungen, die zum grössten Teil Fälschungen darstellen. Dabei ist interessant, dass sich eine Absonderung der Letten von dem Mischvolk Lettgallens und der russischen Volksgruppe lettischer Staatsangehörigkeit immer stärker spüren lässt.

In Estland bestehen starke Bestrebungen, die in benachbarte Gebiete ausgewanderten Esten, insbeondere die aus dem Ingermanland, zurückzuholen. Diese Bestrebungen werden von der Einsatzgruppe unterstützt, soweit es sich um gutrassische Esten handelt.

Die etwa 8.000 Menschen starke schwedische Volksgruppe in Estland konzentriert ihr Eigenleben fast völlig auf das kirchliche Gebiet. Bestrebungen, eine Verbindung mit Schweden zu suchen, sind nicht vorhanden. Politisch tritt die Volksgruppe nicht in Erscheinung.

Die Absonderung von der russischen Volksgruppe an der Ostgrenze bestand immer und nach wie vor vorhanden. Das Russentum in der estnischen Grenze tendiert in jeder Beziehung in das altsowjetrussische Gebiet, treibt regen Lebensmittelschmuggel dorthin und steht in erster Linie den Esten

und in zweiter Linie den Deutschen feindlich gegenüber. Von den Esten werden sie ausgesprochen schlecht behandelt, was sich insbesondere in der Pleskauer und Lugaer Gegend zeigt, wo estnische Hilfspolizei und Kriegsgefangenenbewachung tätig ist.

Die Lage in Weissruthenien ist in dem beiliegenden Sonderbericht – Anlg.6 – dargestellt.

Im altsowjetischen Gebiet wird zur Zeit die Aussiedlung der Volksdeutschen durchgeführt, die zum Teil mit Zwischenstationen in Estland in das Lager Konitz der Volksdeutschen Mittelstelle gebracht werden. Der Aussiedlung haben fast alle Volksdeutschen freudig zugestimmt. Sie sind mit grossen Erwartungen und z.Tl. mit begeisterten Freudenäusserungen abgefahren.

Die Registrierung der Esten und Finnen durch Hilfskräfte bei den Kommandos der Sicherheitspolizei ist demnächst abgeschlossen. Eine finnische Kommission hat die bisherigen Ergebnisse geprüft und während mehrtätiger Anwesenheit in Krasnogwardeisk die Frage der Aussiedlung geprüft. Technische Schwierigkeiten, insbesondere Transportschwierigkeiten, stehen einer sofortigen Lösung des Aussiedlungsproblems noch entgegen. Da ein Teil der Esten und Finnen in schlechtester wirtschaftlicher

Lage ist und vor dem Verhungern steht, ist anzunehmen, dass die Finnische Regierung alsbald präzise Vorschläge bezüglich der Hilfeleistung für die Finnen machen wird. Die Aussiedlung der Esten wird von der estnischen Selbstverwaltung vorbereitet, die im übrigen auch eine Hilfsaktion für die notleidenden Esten durchführt.

6.) Volksgesundhei

Im Reichskommissariat Ostland sind Fleckfiebererkranken in grossem Umfang aufgetreten, die durch russische Kriegsgefangen eingeschleppt worden sind

In Litauen musste die Schliessung der Kirchen und Kinos und teilweise auch der Schulen angeordnet werden. Diese Massnahme ist natürlich in Anbetracht der Zusammenballung in Gaststätten und beim Schlangestehen vor den Lebensmittelgeschäften nicht absolut wirksam. Die Epidemie ist in Litauen noch im Ansteigen. Die deutsche Gesundheitsverwaltung glaubt jedoch der Lage Herr zu werden.

In Lettland konnte die Fleckfieberepidemie in den meisten Kreisen bis auf den Kreis Dünaburg, in dem sie zuerst auftauche, eingedämmt werden. Im Monat Januar […]

sind in Dünaburg noch über 200 Erkrankungen registriert worden. Die Stadt Riga, die zunächst vom Fleckfieber verschont blieb, hatte am 15. Januar über 30 Krankheitsfälle, darunter 11 Erkrankungen im Zentralgefängnis. Die deutschen Gesundheitsbehörden haben alle erforderlichen Massnahmen eingeleitet.

Ein gewisser Mangel hat sich in Lettland an Kindernährmitteln, u.a. auch Haferflocken, bemerkbar gemacht, der in der Bevölkerung bereits gewisse Unruhe erzeugt hat.

Die Säuglingssterblichkeit hat in den letzten Monaten in ganz Lettland gegenüber den Sommermonaten und gegenüber den Wintermonaten der vergangenen Jahre zugenommen.

In ganz Estland sind ebenfalls Fleckfiebererkrankungen aufgetreten. Der Infektionsherd ist wahrscheinlich das Kriegsgefangenenlager Fellin, dessen Insassen im Strassenbau beschäftigt und weit in das Land verstreut worden sind. Der Prozentsatz der Todesfälle ist, besonders bei den Kriegsgefangenen, sehr hoch. In einzelnen Kreisen Estlands sind Schulen, Kinos, Theater und Kirchen geschlossen. In Reval wird ein besonderes Isolierhaus für Fleckfieberkranke, die meistens aus den Kandgebieten stammen und zur Zeit 44 betragen, errichtet. Auch hier sind alle erforderlichen Massnahmen getroffen worden.

Am stärksten von der Fleckfieberepidemie ist Weissruthenien betroffen, jedoch kann heute schon festgestellt werden, dass die gegen die Verbreitung getroffenen Massnahmen eine Stagnierung zum Erfolg hatten.

Im ganzen Gebiet Weissruthenien werden in letzter Zeit häufig Trachomerkrankungen festgestellt, die wohl in der Hauptsache auf den absoluten Mangel an Waschmitteln in der Landbevölkerung zurückzuführen sind.

Wegen der schlechten Verkehrslage ist die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln schlecht. Im Gegensatz zu den übrigen Generalkommissariaten sind alle hygienischen Einrichtungen, die ärztlichen Laboratorien und die Instrumentarien der Ärzte ausserordentlich primitiv. Das dem Generalkommissar und den Gebietskommissaren zur Verfügung stehende ärztliche Personal ist viel zu gering. Während der Wintermonate mussten verschiedentlich jüdische Ärzte zur Behandlung der einheimischen Bevölkerung herangezogen werden.

Im ganzen lässt sich sagen, dass die Verhältnisse im Gesundheitswesen im Reichskommissariat Ostland infolge der bestehenden guten Einrichtungen der drei Länder Litauen, Lettland und Estland im allgemeinen gut sind. Das Meldewesen über Ansteckungskrankheiten hat noch Mängel, die aber im wesentlichen auf die Verkehrsschwierigkeiten zurückzuführen sind. Die vorhandene Ärzteschaft führt ausnahmslos die von den deutschen Gesundheitsbehörden getroffenen

Massnahmen willig und richtig durch. Abgesehen von den durch die Verkehrslage bedingten Schwierigkeiten ist sonst die ärztliche Versorgung im allgemeinen genügend.

III. Juden

Die systematische Säuberungsarbeit im Ostland umfasste gemäss den grundsätzlichen Befehlen die möglichst restlose Beseitigung des Judentums. Dieses Ziel ist mit Ausnahme von Weissruthenien im wesentlichen durch die Exekution von bislang 229052 Juden (s. Anlage) erreicht. Der in den baltischen Provinzen verbleibende Rest wird dringend zur Arbeit benötigt und ist in Ghettos untergebracht.

Zur Erreichung dieses Zieles waren in den verschiedenen Gebieten des Ostlandes verschiedenartige Massnahmen erforderlich.

In den 3 baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen kam das Judentum erst nach der Machtübernahme durch den Bolschewismus entscheidend zur Geltung. Aber auch schon vorher war der Einfluss der Juden einerseits und die antijüdischen Regungen der Bevölkerung anderseits sehr stark.

Im Nachstehenden werden die verschiedenen Gebiete des Ostlandes getrennt behandelt.

1.) Estland

Da bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts Estland zu einer Sperrzone des russischen Reiches gehörte, in die der Zuzug jüdischer Elemente von auswärts verboten war, ist das Judentum im Lande zahlenmässig stets unbedeutend gewesen.

Zu Beginn des Jahres 1940 lebten in Estland rund 4.500 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 1.2 Millionen. Wesentlich stärker als der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung war ihr Einfluss auf das Wirtschaftsleben des Landes. Die estnische Industrie war z.B. zu 11% in jüdischen Händen. Zur bolschewistischen Zeit wurde zwar das jüdische Privateigentum auch nationalisiert, die Juden selbst jedoch fast überall in ihren früheren Unternehmungen als Leiter belassen. Durch Verbindungen zur NKWD. schafften sich die Juden eine sehr starke Position. Sie beherrschten die Presse, die Kulturinstitute, drängten sich in die freien Berufe und hatten als einzige völkische Minderheit, neben den Deutschen, das Recht einer eigenen Kulturselbstverwaltung. Mit dem Vormarsch der deutschen Truppen verliess die Mehrzahl der Juden, zusammen mit den sowjetrussischen Behörden, das Land. Etwa 2000 Juden verblieben im Lande zurück. Davon wohnten in Reval allein fast 1000. Der mit dem anrücken der Wehrmacht gebildete estnische Selbstschutz begann zwar sofort Juden festzunehmen, doch unterblieben spontane Progrome. Erst von Sicherheitspolizei und SD. wurden die Juden nach und nach, sowie sie im Arbeitsprozess entbehrlich wurden, exekutiert. Heute gibt es in Estland keine Juden mehr.

2.) Lettland

Die Gesamtzahl der Juden in Lettland betrug im Jahre 1935: 93479 oder 4,79% der Gesamtbevölkerung. Bei der bolschewistischen Machtübernahme in Lettland im Juni 1940 gelang es den sowjet-russischen Rassegenossen den lettischen Juden, die vordem überwiegend zionistisch eingestellt waren, massgebenden Einfluss zu verschaffen. Während es vor 1940 in Lettland keine Juden als Staatsbeamte gab und überhaupt kein Jude in der Staatsverwaltung tätig war, waren in der sowjetrussischen Republik schnell alle einflussreichen Staatsstellungen in den Händen der Juden. Die Hälfte aller Richter war jüdisch. In den höheren Instanzen, insbesondere im Tribunal, betrug die zahl bis zu 80%. Ebenso stark war der Einfluss der Juden auf die Wirtschaft und im kulturellen Leben.

Beim Einmarsch der deutschen Truppen gab es in Lettland noch 70.000 Juden. Der Rest war mit den Bolschewisten geflüchtet. Die verbliebenen Juden betätigten sich lebhaft als Saboteure und Brandstifter. So wurden in Dünaburg von den Juden derart viele Brände angelegt, dass ein grosser Teil der Stadt vernichtet wurde. Nach dem Terror der jüdisch-bolschewistischen Herrschaft – es wurden insgesamt 33038 Letten verschleppt, verhaftet oder ermordet – wäre ein umfassendes Progrom der Bevölkerung zu erwarten gewesen. Tatsächlich wurden jedoch durch einheimische Kräfte nur einige tausend Juden aus eigenem Antriebe beseitigt. Es war notwendig, in Lettland durch Sonderkommandos, unter Mithilfe ausgesuchter Kräfte, der lettischen Hilfspolizei (meist Angehörige verschleppter oder ermordeter Letten) umfangreiche Säuberungsaktionen durchzuführen.

Bis zum Oktober 1941 wurden durch diese Sonderkommandos rund 30000 Juden exekutiert. Die restlichen, noch mit Rücksicht auf Wirtschafts-belange unentbehrlichen Juden, wurden in Gehttos zusammengefasst, die in Riga, Dünaburg und Libau errichtet wurden.

Im Zuge der Bearbeitung von Strafsachen wegen Nichttragens des Judensterns, Schleichhandels, Diebstahls, Betruges, aber auch um der Seuchengefahr in den Ghettos vorzubeugen, wurden in der Folgezeit weiter Exekutionen durchgeführt. So wurden a, 9.11.1941 in Dünaburg 11034, Anfang Dezember 1941 durch eine von Höheren – und Polizeiführer angeordnete und durchgeführte Aktion in Riga 27800 und Mitte Dezember 1941 in Libau 2350 Juden exekutiert. Zurzeit befinden sich in den Ghettos (ausser den Juden aus dem Reich) lettische Juden in

Riga              rund 2500

Dünaburg   rund   950

Libau           rund   300.

Diese sind als gute Fachkräfte für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft z.Zt. noch unentbehrlich.

3.) Litauen

Bis zum Einmarsch der Bolschewisten lebten nach einer Zählung im Jahre 1923 in Litauen 152743 Juden, die damit 7.58% der Gesamtbevölkerung darstellten. Während ihr Einfluss bis dahin im wesentlichen auf die Wirtschaft beschränkt war, nahmen die litauischen Juden, die auch vorher schon illegal für den Bolschewismus gearbeitet hatten, jetzt schnell einen beherrschenden Einfluss im öffentlichen Leben. Juden beiderlei Geschlechts unterstützten insbesondere die Tätigkeit der NKWD. Die Verschickung von 40000 Litauern nach Sibirien ist auf die Vorarbeit der Juden zurückzuführen.

Beim Einmarsch der deutschen Truppen führte der Hass der Litauer gegen die Juden zu wirksamen Progromen, zumal die jüdisch-kommunistische Jugend noch viele Städte, die von den deutschen Panzertruppen in wenig beschädigtem Zustande durchfahren worden waren, mit vorher bereitgestellten Benzinkanistern in Brand gesteckt hatte.

Bei den allerdings unter wesentlicher Mithilfe von Sipo und SD. durchgeführten Progromen von Litauern wurden in Kauen 3800, in den kleineren Städten rund 1200 Juden beseitigt.

Soweit es Juden gelungen war, zu fliehen, wurden sie nicht selten von den Bauern und Behörden ausgeliefert.

Diese spontanen Reinigungsaktionen reichten aber nicht aus, um den rückwärtigen Frontabschnitt zu stabilisieren, zumal der Eifer der einheimischen Bevölkerung auch alsbald nachliess.

Daher wurden durch ausgewählte Kommandos – meist in der Stärke 1:8 – zunächst die Gefängnisse, dann systematisch Kreis für Kreis des litauischen Gebietes von Juden beiderlei Geschlechts gesäubert. In vielen Einzelaktionen wurden insgesamt 136421 Personen liquidiert. Bemerkenswert ist, dass dabei mehrere Juden tätlich gegen die eingesetzten Beamten und litauischen Hilfskräfte vorgingen und vor der Exekution noch ihre bolschewistische Einstellungen kundtaten, in dem sie Hochrufe auf Stalin ausbrachten und Deutschland schmähten.

Da die restlose Liquidierung der Juden aus Gründen des Arbeitseinsatzes nicht durchzuführen war, wurden Ghettos gebildet, die zurzeit wie folgt belegt sind:

Kauen      rund  15000 Juden

Wilna       rund  15000 Juden

Schaulen  rund   4500 Juden

Diese Juden werden im wesentlichen für wehrwichtige Arbeiten verwandt. So sind z.B. bis auf 5000 Juden in 3 Schichten auf dem Flugplatz bei Kauen zu Erdarbeiten und dergleichen eingesetzt.

  1. Weissruthenien

Der Weissruthenische Raum ist von allen Ländern im Ostland am dichtesten mit Juden besetzt. Im Jahre 1926 wurden in der damaligen BSSR. weit über 400000 Juden gezählt. Die letzte polnische Volkszählung ergab in den damals noch zu Polen gehörenden Wojowoydschaften Bialystock, Nowo Grodlek, Polesien, und Wilna mehr als 500000 Juden. Diese Zahlen sind jedoch ungenau und sicherlich zu niedrig gegriffen, was daraus hervorgeht, dass weit mehr Personen „jiddisch“ als ihre Muttersprache angegeben haben, als im gleichen Zählbezirk angeblich Juden vorhanden waren. Weitaus die Hälfte der Juden im weissruthenischen Siedlungsraum lebte bei Kriegsbeginn in den größeren Städten. In ganz besonderem Masse war Minks mit Juden besetzt, wo es 1939 bei einer Einwohnerzahl von 238000 rund 100000 Juden gab.

Die sozialogische Struktur des Judentums zeigte sowohl im ehem. polnischen Gebiet, wie auch in dem schon vor dem russich.polnischen Kriege bolschewistischen Gebiet Weissrutheniens eine breite Unterschicht ausgesprochen armer Juden.

Die verhältnissmässig dünne Oberschicht beherrschte im ehem. polnischen Gebiet, insbesondere auf Grund ihrer starken wirtschaftlichen Position und im altrussischen Gebiet auf Grund ihres Einflusses in den führenden Parteistellen, schlechthin alle Lebensgebiete. Der Jude im ehemals polnischen Gebiet ist wegen seiner Intelligenz und Kativität ein besonders gefährliches Element. Aber auch der sowjetrussische Jude hat in den 25 Jahren bolschewistischer Herrschaft ein sehr selbstbewusstes und arrogantes Wesen angenommen, das er sogar noch bei dem Einzug der deutschen Truppen beibehielt.

Die endgültige und grundlegende Beseitigung der nach dem Einmarsch der Deutschen im weissruthenischen Raum verbliebenen Juden stösst auf gewisse Schwierigkeiten. Das Judentum bildet gerade hier einen ausserordentlich hohen Prozentsatz der Facharbeiter, die mangels anderweitiger Reserven im dortigen Gebiet unentbehrlich sind. Ferner hat die Einsatzgruppe A das Gebiet erst nach Eintritt des starken Frostes übernommen, die Massenkonzentrationen stark erschwerten. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Juden über das ganze Land weit verstreut wohnen. Bei den grossen Entfernungen, den schwierigen Wegeverhältnissen, dem Mangel an Kraftfahrzeugen und Benzin und den geringen Kräften der Sicherheitspolizei und des SD. sind die Erschiessungen auf dem Lande nur unter Anspannung aller Kräfte möglich. Trotzdem wurden bisher 41000 Juden erschossen. Hierin sind nicht die Zahlen der durch die früheren Einsatzkommandos durchgeführten Aktionen enthalten. Nach schätzungsweisen Angaben sind von der Wehrmacht bis Dezember 1941 ungefähr 19000 Partisanen und Verbrecher, d.h. also in der Mehrzahl Juden erschossen worden. Zurzeit kann für das Gebiet des Generalkommissariats noch mit einer Gesamtzahl von rund 128000 Juden gerechnet werden. In Minks selbst leben zurzeit – ohne Reichsdeutsche – rund 1800 Juden, deren Erschiessung mit Rücksicht auf den Arbeitseinsatz zurückgestellt werden musste.

Der Kommandeur in Weissruthenien ist trotz der schwierigen Lage angewiesen, die Judenfrage baldmöglichst zu liquidieren. Ein Zeitraum von ca. 2 Monaten wird jedoch – je nach Witterung – noch notwendig sein.

Die Abgrenzung der verbliebenen Juden in bes. Ghettos ist auch in den Städten in Weissruthenien nahezu abgeschlossen. Sie werden von Dienststellen der Wehrmacht, der Zivilverwaltung und deutschen Behörden zum Arbeitseinsatz in weitestgehendem Masse herangezogen.

Die Ernährung der Juden in Ghettos bildet besonders in Weissruthenien, aber auch in Litauen, erhebliche Schwierigkeiten. Neben dem allgemeinen Nachlassen der Arbeitskraft liegt darin eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber allen seuchenartigen Krankheiten.

  1. Die Juden aus dem Reich:

Seit Dezember 1940 trafen aus dem Reich in kurzen Abständen Judentransporte ein. Davon wurden 20000 Juden nach Riga und 7000 Juden nach Minsk geleitet. Die ersten 10000 nach Riga evakuierten Juden wurden z.T. in einem provisorisch ausgebauten Auffanglager, z.T. in einem neu errichteten Barackenlager in der Nähe von Riga untergebracht. Die übrigen Transporte sind zunächst in einem abgetrennten Teil des Rigaer Ghettos eingewiesen worden.

Der Bau des Barackenlagers wird unter Einsatz aller arbeitsfähigen Juden so weiter geführt, dass im Frühjahr alle evakuierten Juden, die den Winter überstehen, in dieses Lager eingewiesen werden können.

Von den Juden aus dem Reich ist nur ein geringer Teil arbeitsfähig. Etwa 70 – 80 % sind Frauen und Kinder sowie Alte, arbeitsunfähige Personen. Die Sterblichkeitsziffer steigt ständig, auch infolge des aussergewöhnlich harten Winters.

Die Leistungen der wenigen einsatzfähigen Juden aus dem Reich sind zufriedenstellend. Sie sind als Arbeitskräfte auf Grund ihrer deutschen Sprache und ihrerer verhältnismäßig grösseren Sauberkeit mehr begeht als die russischen Juden. Bemerkenswert ist die Anpassungsfähigkeit der Juden, mit der sie ihr Leben den Umständen entsprechend zu gestalten versuchen.

Die in allen Ghettos vorhandene Zusammendrängung der Juden auf kleinstem raum bedingt naturgemäss eine grössere Seuchengefahr, der durch den Einsatz jüdischer Ärzte weitestgehend entgegengewirkt wirkt. In einzelnen Fällen wurden ansteckend erkrankte Juden unter dem Vorwand, in ein jüdisches Altersheim oder Krankenhaus verbracht zu werden, ausgesondert und exekutiert.

IV. Kirche

Über die zukünftige Behandlung der Kirchen im Reichskommissariat Ostland und die Steuerung der Kirchenführung sind bisher bestimmte Entscheidungen noch nicht getroffen worden. Der Reichskommissar hat sich bisher allen Anträgen kirchlicher Stellen gegenüber vorsichtig und zurückhaltend verhalten und weder Ernennungen noch Anerkennungen vorgenommen. Zwischen den Sachbearbeitern und der Einsatzgruppe besteht enger Kontakt. Die einzige amtliche Handlung war bisher ein Verbot an Exarchen und russisch-orthodoxen Kirchen, Sergius, sich mit den Kirchenbelangen in Weissruthenien zu beschäftigen.

Die Generalkommissare haben mangels Weisungen des Reichskommissars bisher grundsätzliche Entscheidungen ebenfalls nicht getroffen. Die beim Reichskommissar bisher eingelaufenen mündlichen oder schriftlichen Vorschläge und Anträge beweisen, dass die Lage auf kirchlichem Gebiet auch dort uneinheitlich beurteilt wird und die Ansichten über die Entwicklung und die einzuschlagenden Wege verschieden sind.

  1. Litauen

Die vorherrschende Kirche im Generalkommissariat Litauen ist die römisch-katholische. Sie muss im Augenblick noch getrennt werden in die altlitauisch-katholische Kirche und die polnisch-katholische Kirche im Gebiet Wilna. Die beiden Gruppen unterscheiden sich insbesondere in der Stellungnahme der Geistlichkeit zu den politischen Ereignissen der letzten Jahre. Der litauische Klerus hat sich vom Einmarsch der deutschen Truppen ab ein ausgesprochen deutsch-freundliches Gesicht gegeben und ist bis jetzt bestrebt gewesen, sich jeder politischen Tätigkeit in jeder Beziehung zu enthalten. Einige katholische Geistliche standen während der Bolschewistenherrschaft im Dienst der Wehrmacht-Abwehr. Der in Kauen residierende Bischof Brizgys hat sich bislang allen deutschen Massnahmen gebeugt. Es ist kein Versuch von ihm oder seinen Geistlichen bekannt, politische katholische Organisationen ins Leben zu rufen oder in irgend einer weise in politische Belange einzugreifen. Wie lange diese Stellungnahme anhält wird abzuwarten sein.

Im Wilnaer Gebiet ist der gesamte katholische Klerus, an seiner Spitze der Erzbischof Jalbrzykowski ausgesprochen deutschfeindlich eingestellt. Es steht fest, dass Geistliche des Wilnaer Gebietes – der Klerus ist dort durchweg polnisch – sich an politischen Widerstandbewegungen beteiligt haben, darunter auch Dozenten des Wilnaer Priesterseminars. Der Wilnaer Klerus dehnt seine chauvinistische Feindschaft gegen das Deutschtum auch auf Litauer und Weissruthenen aus. Selbst in den wenigen Gemeinen, in denen überwiegend litauisch gesprochen wird, werden die katholischen Gottesdienste trotzdem in polnischer Sprache abgehalten. Das gleiche gilt für weissruthenische Siedlungsgebiete.

Der Erzbischof Jalbrzyskowski hat einen päpstlichen Missionsauftrag für die weissruthenischen Gebiete erhalten und wiederholt polnische Geistliche nach Weissruthenien geschickt, die inzwischen fast sämtlich dort festgenommen wurden.

Das Priesterseminar in Wilna hat längere Zeit lang einen Volljuden namens Schachoff, der getauft war, als Priester versteckt.

Die evangelisch-lutherische Kirche hat ebenso wenig wie verschiedene in Litauen bestehende Sekten eine Bedeutung. Ihr gehörten vor der Umsiedlung in der Hauptsache die Volksdeutschen an.

Die russisch-orthodoxe Kirche in Litauen ist in der Hauptsache im Wilnaer Gebiet unter der weissruthenischen und einem Teil der polnischen Bevölkerung verbreitet. In Alt-Litauen hatte sie keine Bedeutung. Metropolit für Litauen ist Sergius Wosskressensky, der  in seiner Eigenschaft als gleichzeitiger Exarch für Lettland und Estland in Riga sitzt. Er hat in Wilna selbst eine starke Gegnerschaft, deren Hauptvertreter der Archimandryt Philipp Morosow ist, der Sergius wiederholt bolschewstische Haltung vorgeworfen hat. Morosow hat verschiedentlich versucht, sich brieflich mit Warschau und Berlin in Verbindung zu setzen, um von dort aus eine Absetzung des Sergings zu erreichen. Seine Gegnerschaft gegen Sergins entspringt zum Teil eigennützigen Motiven. Sein letztes Ziel ist eine selbstständige litauische Kirche unter seiner Führung.

Die Missionsarbeit der orthodoxen Kirche von Wilna nach Weissruthenien ist ebenfalls unterbunden worden.

Über die Fragen wie weit der starke polnisch-katholische Einfluss im Wilnaer Gebiet durch eine Stärkung der orthodoxen Kirche unterbunden werden kann, wird zur Zeit mit den zuständigen Dienststellen verhandelt. Es besteht der Plan, den Metropoliten Sergius an seinen eigentlichen Sitz Wilna zu bringen, da seine Person einen starken Widerstand gegen den polnischen Katholizismus garantieren würde.

  1. Lettland

Die letzten erreichbaren zahlen über die Mitglieder der einzelnen Kirchen im Gebiet des ehemaligen Freistaates Lettland stammen aus dem Jahr 1935 und ergeben sich aus Anlage 8.

Lettland ist demnach überwiegend evangelisch-lutherisch. Die verhältnismässig grosse Zahl Geistlicher deutschen Volkstums in der lettischen evangelischen Kirche vor der Umsiedlung ist bekannt. Erzbischof ist Theodor Grünberg, ein nicht sehr energischer, zu Kompromissen neigender, in seiner Haltung sehr deutschfreundlicher Mann, der bereits vor der Ulmaniszeit durch deutschfreundliche Haltung auffiel. Er wird von […] Pastorenschaft gestützt.

Es gibt gegen Grünberg zwei Oppositionsgruppen, von denen die eine in der Bolschewistenzeit als Geheimorganisation entstanden ist. Ihr Leiter ist der Pastor Tschuibe in Riga. Ihr gehören etwa 80, zum grossen Teil jüngere, aktive Pastoren an. Sie strebt eine aktivere Haltung des Erzbischofs an.

Die zweite Gruppe, die ebenfalls aus jüngeren aktiven Personen besteht, ist die Vereinigung „Auseklis“ (früher Bethania), deren Führer der Theologieprofessor Kunsin ist. Diese Gruppe verfügt bereits über zwei Pröpste. Zu ihr gehören eine Anzahl Pastoren, die eine schärfere Richtung ähnlich der Bekenntnisfront vertreten. Beide Gruppen versuchen, eine aktivere Haltung des Erzbischofs hervorzurufen oder ihm aktive Männer zur Seite zu stellen.

In dem lettischen Generaldirektorium für innere Verwaltung und Personalfragen werden die Kirchenfragen von dem Rigaer Pfarrer Birgelis bearbeitet. Seine Arbeitsweise wird von hier sorgsam beobachtet. Er erstrebt die Schaffung von drei Bischofssitzen in Lettland und setzt sich mit Vorschlägen und Anträgen für eine Neuorganisation der evangelisch-lutherischen Kirche in Lettland ein. Dabei ist seine Linie noch nicht ganz klar, insbesondere ist noch nicht geklärt, ob er eine Verbindung mit der deutschen evangelischen Kirche bzw. mit einer ihrer Richtungen anstrebt. Da die lettische Bevölkerung, insbesondere die Landbevölkerung, stark an ihrer Kirche hängt, ist die Frage der Haltung der evangelischen Geistlichkeit auch von wesentlicher politischer Bedeutung.

Die weniger feindseligen Einstellungen evangelischer Geistlicher gegen das Deutschtum der deutsche Anordnungen haben regelmässig in der Bevölkerung keinen Widerhall gefunden. In einzelnen Fällen, wo Geistliche für die Juden sprachen, zeigte die Bevölkerung ausgesprochene Ablehnung und beschwerte sich schriftlich.

Im allgemeinen herrscht Ruhe in den evangelischen Kreisen Lettlands, die nur zeitweilig durch das starke Verlangen nach Eröffnung der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Riga unterbrochen wird.

Das Hauptgebiet der römisch-katholischen Kirche ist Lettgallen. Die dort lebenden Polen sind durchweg katholisch. Bis vor wenigen Kahjren wurden die Gottesdienste in polnischer Sprache und von polnischen Geistlichen abgehalten.

Katholische Geistliche lettischen Volkstums gibt es überhaupt erst seit 50 Jahren. Die älteren Geistlichen haben alle Priesterseminare in Polen besucht. Die Hauptzeit der römisch-katholischen Ausbreitung in Lettland sind die Jahre zwischen 1918 und dem Beginn der bolschewistischen Herrschaft. In dieser Zeit ist es dem Katholizismus gelungen, in das ganze Land vorzudringen. Missionsarbeit leisteten vielfach auch Mönche aus Deutschland. Es sind Fälle bekannt, wo in der Zeit von 1920-1939 ganze Gemeinen katholisch wurden. Der Sitz des katholischen Erzbischofs wurde in dieser Zeit nach Riga verlegt. Die katholische Kirche genoss wesentliche Unterstützung der Ulmanis-Regierung, der zwar selbst Protestant war, aber einen ausgesprochenen Kampf gegen das Deutschtum in Lettland führte und zweifellos auch aus diesem Grunde den Katholizismus unterstützt hat.

Die Rigaer Universität erzielt durch Ulmanis eine katholisch-theologische Fakultät. Die Professoren dieser Fakultät waren fast durchweg Polen

Der Erzbischof in Riga ist ein Lette namens Syringowiez, der nach Einmarsch der deutschen Truppen sofort Bestrebungen zeigte, Missionsarbeit in den altsowjetrussischen Gebieten aufzunehmen, die von hier unterbunden wurden.

Der gesamte katholische Klerus bemüht sich, in Lettland eine Bresche in den orthodoxen Glauben zu schlagen. Neben der Wiederherstellung der katholisch-theologischen Fakultät erstrebt der Katholizismus die Wiederherausgabe seiner in Lettland erscheinenden eigenen Zeitung. Der aktivste Mann in der katholischen Kirche Lettlands dürfte der Rigaer Bischof Ranzan sein, dessen Verbindung zur katholischen Internationale und zur polnischen katholischen Kurie bekannt ist.

Die russisch-orthodoxe Kirche hat ihre Hauptgemeinden unter den in Lettgallen wohnenden Russen und russifizierten Letten und in den Grosstädten, insbesondere Riga. Die Mitgliederzahl von heute, etwa 200000, setzt sich aus […] ¾ Russen und ¼ Letten zusammen. Das orthodoxe Bistum Lettlands besteht seit dem Jahren […]. Von diesem Jahre an kann von einer ausgesprochen orthodoxen Mission in Lettland gesprochen werden. Die russischen Herrschaftszeiten, auch die des Bolschewismus, haben versucht, auf dem Wege über die orthodoxe Kirche eine Russifizierung des lettischen Volkes zu erreichen, die zum Teil auch gelungen ist.

Der jetzt in Riga befindliche Exarch Sergius, der gleichzeitig Metropolit von Litauen ist, löste den 70jährigen Metropoliten

Augustin Anfang 1941 ab. Die Person Sergius ist stark umstritten. Eine unmittelbare politische Arbeit für den Bolschewismus konnte ihm bisher nicht nachgewiesen werden. Er hat aber zweifellos in der kurzen Zeit seiner Amtstätigkeit unter bolschewistischer Herrschaft erfolgreiche Missionsarbeit für den orthodoxen Glauben geleistet. Sergius ist typischer Russe, begabt und geschickt und ausserordentlich energisch. Sein Arbeitszimmer ist seit der deutschen Besetzung mit einem Führerbild und Hakenkreuzfahnen geschmückt. Sergius erhebt Anspruch auf die Stellung des Metropoliten für alle baltischen Länder. Er wünscht eine Anerkennung durch den Reichskommissar.

Gegen Sergius arbeiten zur Zeit in jedem der drei Länder mehr oder weniger geschickt und zweifellos auch aus eigennützigen Motiven bestimmte Gruppen. In Lettland ist diese Gruppe – wohl deshalb, weil Sergius bei den Gläubigen persönlich als blendender Redner bekannt ist und sich insbesondere bei allen Russen einer Gewissen Beliebtheit erfreut – nicht sehr stark. Sie setzt sich aus Anhängern des abgesetzten Bischofs Augustin zusammen.

Der in zweiter Linie in Lettland bedeutende Bischof Alexander Vithol in Madohn ist, trotzdem er Lette ist, ein verschworener Anhänger von Sergius und hat sich deshalb auch der lettischen national-bestimmten Gruppe Augustins nicht angeschlossen.

Die orthodoxe Kirche Lettlands kümmert sich stark um die Kriegsgefangenen, insbesondere die Verwundeten. Taufen sind an der Tagesordnung, wie überhaupt besonders in der Zeit des deutschen Vormarsches der Besuch der orthodoxen Kirche auch in Lettland wesentlich zunahm und von Lettland aus von der orthodoxen Geistlichkeit in den angrenzenden altsowjetrussischen Gebieten Gottesdienste und sakrale Handlungen vorgenommen wurden.

  1. Estland

Der dem Reichssicherheitshauptamt vorgelegte Bericht des Sonderkommandos l a vom 7.1.1942 enthält eine grundlegende Übersicht über die Kirchen und das religiöse Keben in Estland. (Anlage 9).

Eine wesentliche Rolle spielt in Estland nur die evangelisch-lutherische Kirche, die 77,6% der Gesamtbevölkerung umfasst. Sie ist bisher politisch nicht hervorgetreten. Die Einstellung der Geistlichkeit zu Deutschland ist positiv.

Die orthodoxe Kirche beschränkt sich fast ausschliesslich auf das Land an der alten russischen Grenze. Der in Reval residierende Bischof Alexander ist ein ausgesprochener Gegner des Exarchen Sergius und strebt eine national-estnische orthodoxe Kirche an. Durch diese Gegnerschaft ist der zur Zeit noch herrschende Kirchenstreit in Petschur, das durch sein Kloster bekannt ist, entstanden. Der von Sergius dort eingesetzte Propst Verhsustinski hat dem Klerus verboten, dem von Bischof Alexander ebenfalls eingesetzten Propst Pähkel Gehorsam zu leisten. Alexander, der sich

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