Aušra Mikulskienė kennt den Weg. Die Reiseleiterin für jüdische Geschichte hat schon mehrmals ausländische Besucher zu den Erdhöhlen im Wald bei Rūdninkai südlich von Vilnius geführt. Sie liegen in sumpfigem Gelände, rund 30 Kilometer vor der belarussischen Grenze. Es ist einer der wenigen Orte in Europa, an denen Jüdinnen und Juden einst aktiv gegen die eigene Vernichtung kämpften.
Das erste Mal, so erzählt die 52-jährige Litauerin auf der Fahrt von Vilnius in Richtung Süden, sei sie als Schülerin dort gewesen, Mitte der Achtzigerjahre. Damals war ihr Land noch Teil der Sowjetunion. Mit Bussen seien sie an die Schauplätze des Zweiten Weltkriegs gebracht worden. »Es war die übliche sowjetische Propaganda vom heldenhaften Kampf gegen die deutschen Faschisten.«
Verdrängte Verbrechen
Zehn Millionen Deutsche kämpften für Hitler in der Sowjetunion. Was sie dort taten, erzählten sie kaum. Doch es prägte ihre Familien – oft bis heute.
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Jetzt sind die Deutschen wieder da – als Nato-Partner von Litauen. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wächst im westlichen Verteidigungsbündnis die Sorge um die Ostflanke. Die sogenannte Suwałki-Lücke, ein schmaler, dünn besiedelter Landstreifen im polnisch-litauischen Grenzgebiet, gilt als strategische Schwachstelle. Es ist die kürzeste Verbindung zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Belarus.
Panzerbrigade 45 in Litauen: Historische Aufgabe für die Bundeswehr
Foto: Kay Nietfeld / dpaSeit Altkanzler Olaf Scholz 2022 die »Zeitenwende« ausrief, bereitet sich die Bundeswehr auf die Bündnisverteidigung vor. Mit der Litauen-Brigade will sie erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg 4800 Soldaten dauerhaft im Ausland stationieren – bis zu 3000 davon ausgerechnet auf einem Truppenübungsplatz im Waldgebiet bei Rūdninkai.
Es ist derselbe Wald, in dem einst Jüdinnen und Juden aus dem Ghetto von Wilna, wie Vilnius damals hieß, mit sowjetischen Partisanen gegen die deutschen Besatzer kämpften. In dem Wald, in den Aušra Mikulskienė ihre Besucher führt, kollidieren dieser Tage zwei grundlegend verschiedene Geschichtsauffassungen innerhalb der Nato.
Jüdische Partisanen gelten in Litauen als Feinde
Während die Bundesregierung den Erhalt des ehemaligen jüdischen Partisanenlagers »nachdrücklich« befürwortet, würde die litauische Regierung das sowjetische Propaganda-Relikt am liebsten abreißen.
Jüdische Partisanen gelten in Litauen nicht als Helden, sondern als Feinde. Denn sie kämpften im Krieg an der Seite der verhassten Russen, dirigiert aus Moskau. Josef Stalin hatte im August und September 1939 Verträge mit dem Nazi-»Führer« Adolf Hitler geschlossen. Darin teilten die beiden Diktatoren Osteuropa in Interessensphären auf, als würden sie einen Kuchen zerlegen. Die Rote Armee besetzte 1940 Litauen.
Die deutschen Besatzer, die das Land im Zuge des »Unternehmen Barbarossa« ab dem Sommer 1941 mit Tod und Terror überzogen, werden in Litauen bis heute oft als »die Guten« verklärt: In der kollektiven Erinnerung wüteten sie weniger schlimm als die Sowjetherrscher, die Litauen ab 1944 erneut besetzten und ebenso wie die anderen baltischen Staaten zu einer Teilrepublik der Sowjetunion machten.
Truppeneinmarsch während des »Unternehmens Barbarossa« in Vilnius: Litauer als Hitlers Handlanger
Foto: Michael Nicholson / Corbis / Getty ImagesFür Deutsche klingt diese litauische Sicht auf die Geschichte nach Täter-Opfer-Umkehr. Doch nicht nur dort ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg weniger eindeutig, als sie aus der deutschen Perspektive scheint. Wer als Held und wer als Verbrecher gilt, darum wird längst nicht nur in Litauen gestritten, sondern auch anderswo zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Jener von Hitler und Stalin geschaffenen Todeszone, in der laut US-Historiker Timothy Snyder rund 14 Millionen Menschen von beiden Regimen ermordet wurden: 10 von den Schergen Hitlers, 4 Millionen von denen Stalins.
Seit Russland die Ukraine angegriffen hat und damit nach Ansicht vieler Osteuropäer an Stalins Politik anknüpft, bricht immer wieder Streit um die Vergangenheit auf, schlägt »Barbarossa« auf die aktuelle Politik durch. Und nun kommt die Bundeswehr und betritt mit ihrem Truppenübungsplatz historisch vermintes Gelände.
Dabei sind die Fakten eindeutig: Etwa 200.000 litauische Juden wurden im Holocaust getötet, das entsprach etwa 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung im Land. Maßgeblich an dem Massenmord beteiligt waren zahlreiche litauische Kollaborateure in Polizei‑ und Milizeinheiten.
Holocaust-Kollaborateure als Nationalhelden
Auf eine Kleine Anfrage im Bundestag erklärte die Bundesregierung noch im Dezember, sie habe die litauische Regierung bei der Einrichtung des Truppenübungsplatzes gebeten, »die Schutzwürdigkeit des betreffenden Bereichs zu prüfen«. Gegenüber dem SPIEGEL verweist die Bundeswehr auf die Zuständigkeit des litauischen Verteidigungsministeriums.
Doch das hat inzwischen seine Meinung um 180 Grad gedreht. Noch im März teilte die Behörde auf Anfrage mit, man sei sich »der historischen und emotionalen Bedeutung dieses Ortes vollkommen bewusst«. Dieser repräsentiere »einen wichtigen Teil der jüdischen Widerstandsgeschichte im Zweiten Weltkrieg«. Vier Wochen später allerdings betonte das Ministerium dann plötzlich, die Partisanenfestung werde, anders als zuvor behauptet, nicht geschützt.
Für weitere Informationen dazu verwiesen die Beamten an den Historiker Arūnas Bubnys, Generaldirektor des staatlichen Forschungszentrums für Genozid und Widerstand. In den vergangenen Jahren war das Genozidforschungszentrum mehrfach international in die Kritik geraten. Ihm wurde vorgeworfen, in seinen Publikationen den Holocaust und die litauische Beteiligung daran zu verharmlosen.
Das Onlinejournal »Defending History«, das immer wieder revisionistische Holocaust-Auffassungen im Baltikum dokumentiert, berichtete bereits vor sechs Jahren über einen Auftritt von Bubnys, damals noch Chefhistoriker des Zentrums, bei dem auch Plakaten der als Nationalhelden verehrten Holocaust-Kollaborateure Jonas Noreika und Kazys Škirpa in die Höhe gehalten wurden.
Historiker Arūnas Bubnys 2020 auf einer Kundgebung mit Plakaten von Jonas Noreika und Kazys Škirpa: Heldenverehrung für Holocaust-Kollaborateure
Foto: DefendingHistory.comUrsprünglich hatte das Genozidforschungszentrum Noreika sogar als Judenretter präsentiert. Doch 2021 wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass sich der einstige Leiter einer Bezirksverwaltung unter deutscher NS-Besatzung an der Vertreibung und Ermordung Tausender jüdischer Litauer beteiligt hatte.
»Als die Nachbarn plötzlich weiße Armbinden anlegten«
Litauens Geschichte im Zweiten Weltkrieg ist eine Abfolge extremer Brüche. Als die Sowjetunion 1940 das bis dahin souveräne Land besetzte, flohen viele Politiker ins Ausland. In Berlin gründeten einige von ihnen, darunter Kazys Škirpa, die »Litauische Aktivistenfront« (LAF), die für die Unabhängigkeit Litauens kämpfte. Noch vor Eintreffen der Wehrmacht übernahm die LAF am 23. Juni 1941 in Litauen die Macht.
Die Veranstaltung, auf der Historiker Bubnys vor sechs Jahren sprach, galt der Erinnerung an ebenjenen 23. Juni 1941. Ultranationalisten feiern ihn als »Juni-Aufstand«. Doch für die jüdische Bevölkerung Litauens bekam der Tag eine ganz andere Bedeutung. Mitglieder und Sympathisanten der LAF töteten Tausende litauische Juden – zum Teil noch vor dem Einrücken der ersten deutschen Truppen.
Dass diese Massaker nicht in Vergessenheit geraten sind, ist Holocaust-Forschern wie Dovid Katz, 70, zu verdanken. Der US-Amerikaner lehrte als Professor in Oxford und Yale. In den Neunzigerjahren kam er ins Baltikum, um Jiddisch und die Kultur der litauischen Juden zu ergründen. In den vergangenen Jahrzehnten hat er immer wieder Interviews mit Überlebenden geführt.
Jiddischforscher Dovid Katz: Verschleierung des Holocaust
Foto: Solveig Grothe / DER SPIEGEL»Nahezu alle erinnerten sich an genau jenen Montagmorgen, an dem viele ihrer Nachbarn plötzlich die weißen Armbinde der LAF anlegten und Frauen, Kinder und Alte ermordeten«, sagt er. »Sie konnten das einfach nicht begreifen, weil die Getöteten doch keine Kommunisten waren. Jüdische Kommunisten waren zu diesem Zeitpunkt längst mit den Sowjets geflohen.«
Für sie markierte der 23. Juni 1941 den eigentlichen Beginn des Holocaust in Litauen. Vilnius, einst als »Jerusalem des Nordens« bekannt, war über Jahrhunderte ein geistiges Zentrum des Judentums. In seinen Zeitzeugeninterviews, sagt Katz, hätten Überlebende immer wieder geschildert, wie 600 Jahre Toleranz über Nacht »an Dutzenden Orten in Massenmord umschlugen«.
Innenhof der Großen Synagoge in Vilnius, um 1918: »Jerusalem des Nordens«
Foto: Arkivi / IMAGODoch in Litauen erinnert man sich heute vor allem an die sowjetische Besatzung. Ab 1944 erlebte auch die nicht-jüdische Bevölkerung wieder verstärkt Terror. Litauer wurden verhaftet, deportiert, starben in Lagern und Gefängnissen. Aufgrund dieser Erfahrung spricht man in Litauen von zwei Völkermorden.
Strafermittlungen gegen die letzte Partisanin
Im Wald von Rūdninkai biegt Fremdenführerin Aušra Mikulskienė von der Landstraße ab in eine asphaltierte Schneise, die bald zu einem breiten, schlammigen Fahrweg wird. Rechts und links des Waldrands warnen Schilder an rot-gelb gestreiften Pfählen vor »gefährlichem Gebiet«. Ohne ortskundige Führung wären Besucher schnell verloren.
Eine große Tafel am Straßenrand erklärt die Regeln für den Besuch des Militärgeländes. Die abgebildete Schranke allerdings ist noch nicht installiert, so fährt Mikulskienė einfach weiter und biegt in einen schmaleren Waldweg ein. Nach einer Kurve stoppt sie den Wagen auf einer Lichtung. »Von hier aus müssen wir zu Fuß weiter.«
Rundherum sind Gräser, Büsche, Bäume. Mikulskienė läuft zielstrebig in eine Richtung und biegt einen großen Ast beiseite. Zum Vorschein kommt ein mannshoher Findling. Auf dem bemoosten Stein leuchtet eine kleine silberne Platte: »Zum Gedenken an die jüdischen Partisanen, die aus diesen Wäldern heraus gegen die Nazi-Besatzer und ihre Helfer kämpften.« Das deutsche Bildungswerk Stanislaw Hantz e. V., engagiert in der Erinnerungsarbeit und Anbieter von Studienreisen, hat sie hier 2024 angebracht.
Partisanen des Wilnaer Ghettos: Widerstand gegen die eigene Vernichtung
Foto: Hebrew University of Jerusalem / United States Holocaust Memorial MuseumBereits 1974 war das ehemalige Waldlager der Partisanen zu einer Art Freiluftmuseum ausgebaut worden. Grobe Betonplatten stützen seither die ursprünglich nur mit Holz stabilisierten Unterstände der Partisanen. Dass sie geflohenen Juden einst als Versteck dienten, erwähnte die sowjetische Propaganda allerdings nicht. Sie erzählte den Krieg lieber als namenlosen Sieg »sowjetischer Bürger«.
Wer dort gelebt und gekämpft hatte, sagt Mikulskienė, habe sie erst vor etwa zehn Jahren erfahren, als Gäste aus Israel diesen Ort sehen wollten. Sie habe sich daraufhin intensiver mit jüdischer Geschichte befasst und herausgefunden, dass sie selbst eine jüdische Urgroßmutter hatte. »In der Familie wurde das verheimlicht.« Über eine Bekannte lernte sie schließlich Fania Brancovskaja kennen, die damals wahrscheinlich letzte noch lebende jüdische Partisanin von Rūdninkai.
Mikulskienė schlägt sich weiter durchs Gebüsch und deutet auf eine dunkle Öffnung, umrahmt von Holzbalken und Beton – die erste von Moos, Gras und Bäumen überwachsene Erdhöhle. Durch das Loch sind Schutt, Steine, Staub erkennbar. »Wenn ich mir das vorstelle«, sagt die Reiseleiterin, »meine Tochter ist gerade 27 … und Fania war damals erst 21, also noch ein Kind, als sie hierherkam und kämpfen musste. Aber eine andere Chance zu überleben hatte sie nicht.«
Partisanenlager als Freiluftmuseum: Relikt sowjetischer Propaganda
Foto: Solveig Grothe / DER SPIEGELBrancovskaja (1922 bis 2024) hatte nach dem Abitur kurz als Lehrerin gearbeitet, als der Zweite Weltkrieg Wilna erreichte. Im September 1941 mussten sie wie alle Juden in das von den deutschen Besatzern errichtete Ghetto ziehen. Unmittelbar vor dessen Auflösung 1943 gelang ihr mit einer Freundin die Flucht. Ihre Familie wurde ermordet.
Bereits im Ghetto hatte sich die geheime Fareinikte Partisaner Organisatzije (jiddisch für: Vereinigte Partisanen Organisation) gebildet. Mitglieder und deren Angehörige flüchteten sich in das Waldgebiet von Rūdninkai, in dem bereits sowjetische Partisaneneinheiten operierten. Sie sabotierten Telefonleitungen, sprengten Eisenbahnlinien. Anfang Juli 1944 nahmen Dutzende jüdische Kämpfer an der Befreiung von Vilnius teil. Brancovskaja überlebte.
Holocaust-Forscher Katz lernte sie kennen. Und ihre Geschichte sollte ihn zu einem der hartnäckigsten Kritiker litauischer Erinnerungspolitik machen – bis heute. Brancovskaja arbeitete als Bibliothekarin in dem von Katz mitgegründeten Jiddischen Institut an der Universität von Vilnius, als 2008 plötzlich die Polizei nach ihr suchte.
Auf Initiative des staatlichen Genozidforschungszentrums leitete die litauische Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen angeblicher Mitwirkung an Kriegsverbrechen ein. Ehemaligen Partisanen wurde vorgeworfen, an der Ermordung litauischer Zivilisten beteiligt gewesen zu sein. Auch Brancovskaja sollte befragt werden. Erst nach internationalem Protest wurden die Ermittlungen aus Mangel an Beweisen schließlich eingestellt.
»Museum der Opfer des Völkermords« in Vilnius, heute »Museum der Besatzungen und Freiheitskämpfe«: Bis vor einigen Jahren fand der Holocaust keine Erwähnung.
Foto: Daro Sulakauri / The New York Times / Redux / laifDoch die massive Diffamierungskampagne, die in der Öffentlichkeit losgetreten worden war, schwelt noch über Brancovskajas Tod hinaus. Auf YouTube ist noch immer ein Video abrufbar, das die Jüdin beschimpft und behauptet, sie hätte zugegeben, Zivilisten massakriert zu haben.
Jahrzehntelang erzählte Fania Brancovskaja bei Führungen durch das ehemalige Ghetto in Vilnius und den Wald von Rūdninkai ihre Geschichte. Doch inzwischen wissen nur noch wenige von den Holzbunkern im Wald. Vor einer der Erdhöhlen hat jemand rote Nelken und eine Flasche Wodka abgelegt.
Mikulskienė weiß um den Konflikt und versucht, die Perspektive ihrer Landsleute zu erklären. »Weißt du«, sagt sie auf dem Rückweg nach Vilnius, »Deutschland hatte Jahrzehnte Zeit für diese Debatten«, heute könnten die Deutschen deshalb mehr oder weniger ruhig über den Holocaust reden. »Auch wir hatten den Holocaust, und dann 50 Jahre Sowjetherrschaft, in denen nicht darüber gesprochen wurde. Und dann stellt sich heraus, dass wir nicht nur Opfer, sondern auch Täter waren.«
Für viele sei das einfach unvorstellbar, dass ausgerechnet ihre Helden, die litauischen Freiheitskämpfer, den Völkermord an den Juden mitzuverantworten hätten. »Wer so etwas heute sagt, wird als ›sowjetischer Agent‹ oder ›Agent Putins‹ beschimpft«, sagt Mikulskienė. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine befeuert das populäre Narrativ. »Der offizielle Diskurs ist heute eben dieser: Die roten, also die sowjetischen Partisanen waren böse, waren Mörder. Und über die Nazis reden wir nicht viel. Die Sowjets waren schlecht – das ist es, was erzählt wird.«
Hoffen auf die Bundeswehr
Zurück in Vilnius zeigt sich der Konflikt auch in der Museumslandschaft. Das Genozidforschungszentrum betreibt an einem Boulevard sein früher »Museum der Völkermordopfer« genanntes Haus, heute »Museum der Besatzungen und Freiheitskämpfe«. Es zeigt vor allem Verbrechen der Stalin-Ära und blendet den Holocaust weitgehend aus. Nur in einer Kellerzelle wird an die Ermordung der Juden erinnert – die Chronik dort beginnt erst mit dem Ghetto, nicht mit den Massenmorden vom Juni 1941.
Ein paar Gehminuten entfernt erzählt ein grünes Holzhaus eine andere Geschichte: Bereits 1944 eröffneten Überlebende in der früheren Bibliothek des ehemaligen Ghettos eine Holocaust-Ausstellung, die jedoch im Zuge von Stalins Antisemitismuskampagne schließen musste. Nach dem Ende der Sowjetunion unternahmen jüdische Überlebende einen neuen Versuch. Ihr Holocaust-Museum benennt offen die Beteiligung litauischer Täter. Katz allerdings fürchtet, dass diese Sichtweise innerhalb des staatlichen Museumskomplexes bald verschwindet.
Holocaust-Ausstellung in Vilnius: Das grüne Haus erzählt die Geschichte der Überlebenden
Foto: Solveig Grothe / DER SPIEGELSie könne sich vorstellen, so hatte Mikulskienė am Ende der Tour gesagt, dass die Partisanenfestung trotz allem erhalten bliebe. Schließlich würden in Litauen auch noch Friedhöfe sowjetischer und deutscher Soldaten aus den Weltkriegen gepflegt. Das Problem sei ein anderes: »Von den Menschen, die in diesen Bunkern gelebt haben, gibt es fast keine Angehörigen mehr.«
Mikulskienė glaubt nicht, »dass es etwas bringt, wenn wir die Regierung auffordern, die Stätte zu schützen. Niemand wird das wollen. Aber vielleicht können wir mit gutem Beispiel vorangehen, indem wir sie zeigen und gelegentlich eine Kerze anzünden.«
Die Reiseleiterin dürfte recht behalten: Der Staat wird sich wohl nicht darum kümmern. Auf Anfrage schreibt der Leiter des Genozidforschungszentrums Bubnys in einer Mail: »Die sowjetischen Partisanen in Litauen waren von 1941 bis 1945 Teil der sowjetischen Streitkräfte im Kampf gegen Nazideutschland. Ihre Aktivitäten werden als feindlich gegenüber der litauischen Staatlichkeit bewertet.«
Bubnys beschreibt den Anti-Hitler-Kampf als Strategie Moskaus zur »sowjetischen Wiederbesetzung« Litauens. Das Wort »Befreiung« kommt in seiner Mail nicht vor. Auch nicht der Holocaust oder das Ausmaß der litauischen Kollaboration.
Das litauische Kulturministerium betont auf Anfrage, dass eine Schutzwürdigkeit der Partisanenfestung nicht gegeben sei. Die Bauten seien zu Sowjetzeiten für Propagandazwecke »rekonstruiert« worden und damit »nicht authentisch«. Als Propagandabau falle die Festung unter das litauische Verbot der »Förderung totalitärer und autoritärer Regime und ihrer Ideologie«. Demnach »könnte es potenziell als öffentliches Objekt entfernt werden«.
Für Holocaust-Forscher Katz ist das Teil eines größeren Problems: der in Litauen verbreiteten These vom »doppelten Völkermord«, die die Verbrechen der Sowjets denen der Nazis gleichstellt und so den Holocaust verschleiert. Er hoffe jetzt auf die Bundeswehr und deren Litauen-Brigade, sagt er. Deutschland habe schon viel in der Holocaust-Aufklärung geleistet.